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Teil 2 des aktuellen Tanja Richter Falls…

Tanja rutschte von einer Pobacke auf die andere. Arzttermine im Großen und Ganzen waren nicht ihr Ding – Frauenarzt im Speziellen schon mal gar nicht. Sie zuckte zusammen als die große, kräftige Arztschwester sie ins Labor rief.

„Ihr Blutdruck ist viel zu hoch“, meinte die Schwester.

„Ich bin ziemlich nervös, wissen sie?!“, antworte Tanja harsch, was sie gar nicht wollte.

„Ok… ich brauche noch eine Urinprobe und dann können Sie in den Behandlungsraum“, antworte die Schwester und reichte einen kleinen Plastikbecher.

Die Erkenntnis war bitter, aber voraus zu sehen: der Schwangerschaftstest hatte recht: Schwanger in der 10. Woche.

„Rein rechnerisch ist der Entbindungstermin am 06.09. Schauen Sie sich frühzeitig nach einer Hebamme um – September ist Spätsommer und somit auch von der allgemeinen Urlaubswelle …“

„Das ist einfach nur schrecklich“, sagte Tanja noch bevor sie komplett in sich zusammen brach.

Hilflos und allein. Das beschrieb den derzeitigen Augenblick gut. Schmerzlich wurde Tanja bewusst, dass sie keine Familie zum Anlehnen hatte. Sei Jahren sprach sie nicht mehr mit ihren Eltern. Jedes Problem hat sie mit Vanessa besprochen, aber diese hat ihre eigene Familie und ihre eigenen Sorgen im Leben. Konnte sie mit Jens darüber sprechen? Sie wusste es nicht. Nicht wie er reagieren wird und auch nicht, wie sie es ihm überhaupt mitteilen sollte. Es war nur ein One-Night-Stand. Eine unbedeutende Sache. Will man für eine Unachtsamkeit 18 Jahre festgenagelt sein. Das würde mit Sicherheit ein unangenehmes Gespräch werden.

Tanja wusste nicht, wann die Ärztin sie in den Arm genommen hatte. Sie realisierte ihre Umgebung als Vanessa sagte: „komm schon, ich bring dich nach Hause. Wir schaffen das – egal wie du dich entscheidest.“

 

Zwei Tage lang igelte sich Tanja komplett ein. Ihr Bett verließ sie nur um der Biologie nachzugehen. Zum ersten Mal freute sich Tanja, dass Vanessa ihr mal einen Hausoverall geschenkt hatte. Hässlich auf jeden Fall, aber sehr bequem und warm. Einzig der Anruf von Frau Dr. Brumm ließ sie hellhörig werden. Die unbekannte Frau erinnerte sich Lehrerin zu sein.

„Woher wissen sie das?“, fragte Tanja

„Wissen sie, wenn man immer nur mit Toten zu tun hat, will man den einzigen lebenden Patienten, den man hat, auch umsorgen. Deshalb, habe ich die Frau gestern nochmal besucht und gesprochen. Sie erinnerte sich mit Kindern zu arbeiten. Auf Nachfrage, ob es kleine Kinder sind, meinte sie, dass es Jugendliche sind“, meinte Frau Dr. Brumm.

„Warten sie… die Unbekannte hat gesagt, dass sie sei an einer Edeka vorbeigekommen ist. Da ist eine Schule, oder?“

„Tut mir leid, aber ich habe keine Kinder, ich kann ihnen nicht sagen, ob hier Schulen sind.“

„Ja, da ist eine. Vom Revier Richtung alter Flughafen ist die Edeka. Eine Ecke weiter ist eine Gartenanlage und wenn man dort durch geht, kommt man zur Geschwister-Scholl-Gesamtschule – glaube ich. Ich schau eben mal schnell nach, danke für ihren Anruf, Frau Brumm.“

„Gern geschehen. Und Tanja, wenn sie Hilfe brauchen… ich bin zwar Gerichtsmedizinerin, aber ich kann auch den Lebenden helfen. Wenn Sie was brauchen, dann melden Sie sich, ok?“

„Mach ich…“

Tanja legte auf und nahm ihren Parker und die Schultertasche vom Schreibtisch. Sie fuhr sofort aufs Revier.

Yannick und Daniel schauten von ihren Schreibtischen auf als Tanja das Büro betrat.

„Wir dachten, du seist krank“, meinte Yannick und schaute verlegen drein.

„Bin ich, aber ich habe grade erfahren, dass die Unbekannte Lehrerin ist und ich denke sie arbeitet in der Geschwister-Scholl-Gesamtschule.“

„Woher weißt du das?“

Tanja klärte ihre Kollegen auf, während sie im Rechner nach der Nummer der Schule suchte, die sie in Verdacht hatte.

Sie rief an und fragte, ob eine Kollegin nicht bei der Arbeit erschienen ist. Sie zeigten den Männern den Daumen nach oben.

„Unsere Frau heißt wahrscheinlich Liliane Seefeld, geboren am10.07.1993. Schaust du mal nach dem Ausweisbild?“ Fragte Tanja.

„Hab ich schon“, meinte Yannick und drehte seinen Monitor so, dass Daniel und Tanja schauen konnten.

Volltreffer. Die Unbekannte war tatsächlich Liliane Seefeld. Während Daniel noch den Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung auf der Geierstraße organisierte, meldete sich auch die Spurensicherung. Das Blut an Liliane war von einem Mann mit Blutgruppe A negativ.

„Heißt, es gibt einen Schwerstverletzten“, meinte Tanja.

„Nein, bei der Menge an Blut und der Tatsache, dass kein Schwerstverletzter in den letzten Tagen im Krankenhaus aufgenommen wurde, suchen wir eine noch nicht gefundene Leiche“, widersprach Yannick.

„ok, fahren wir, Tanja. Wir haben unseren Beschluss für die Wohnung“ sagte Daniel.

Tanja fuhr mit Daniel zur Wohnung. Das Viertel war nicht steinreich, aber doch besser situiert. Die meisten Häuser waren 4-Parteienhäuser mit Terrasse für die Mietpartien im Erdgeschoss. Der Hausmeister, der selbst eine Wohnung am Ende der Straße besaß, öffnete ihnen die Tür der Wohnung. Es sah aus, wie ein Schlachtfeld. Möbelstücke waren umgeworfen, Polstermöbel aufgeschlitzt und überall lagen Scherben.

„Gott, was ist denn hier passiert?“ fragte Tanja während sie sich umschaute.

„Das ist eine sehr gute Frage“, meinte Daniel: „ ein Toter ist hier zu mindestens nicht zu sehen. Ein Wagenschlüssel liegt noch hier und ein Bündel Geld. Ich schätze 5000€.“

„Kein Raub. Soviel ist sicher. Hier steht ein Bild mit ihr und einem Mann“, sagte Tanja.

„Hier sind keine Klamotten von einem Mann“, antworte Daniel aus dem Schlafzimmer.

Tanja schaute immer noch in die Runde und sagte schließlich: „Das muss doch Krach gemacht haben. Warum haben die anderen Parteien nicht die Polizei gerufen. Ich mein, wir sind hier in einem Viertel, wo einmal im Quartal die Polizei gerufen wird, hier ist Einbruch und Randale nicht an der Tagesordnung.“

„Da gebe ich dir Recht. Ich schau mal ob die Mietpartei unter der Frau Seefeld was mitbekommen hat“, sagte Daniel.

„Ich nehm‘ mir die Nachbarn vor“, antworte Tanja.

Die Nachbarn waren eine alte Frau und ein Pudel, der mindestens genauso alt und träge war, wie seine Besitzerin.

„Sind Sie vom mobilen Essen? Ich habe doch gesagt, ich werde diese Woche von meinen Kindern versorgt“, war die erste Reaktion der alten Dame.

„Nein, ich bin nicht vom Essensservice. Ich bin von der Polizei. Kennen Sie die Frau, die gegenüber wohnt?“ Tanja schrie schon fast, weil sie merkte, dass die Frau nicht alles verstand.

„Die Frau von gegenüber?“

„Ja.“

„Nein, die kenne ich nicht. Sie ist vormittags nicht da und nachmittags geht mein Enkel mit der Marie Gassi.“

„Ah, ok. Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben“, sagte Tanja, aber die Tür war schon längst zugeflogen.

Daniel kam in diesem Moment die Treppe wieder hoch: „Die Partei unter Liliane Seefeld ist im Urlaub und der Mann, schräg unter ihr, hat nichts gehört.“

„Ich hatte auch kein Glück – sehr schwerhörig“, dabei zeigte Tanja über die Schulter auf die Tür der Nachbarin.

„Ich ruf Yannick an. Der soll mal die Anrufprotokolle durchgehen und auch die Spurensicherung vorbeischicken.“

„Geht in Ordnung“, sagte Tanja.

 

Fortsetzung folgt