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Ein neuer Fall für meine Lieblingsermittlerin…

„Ja, Schatz, mach ich“, sagte Yannick noch während er den letzten Treppenabsatz des Polizeireviers herunter ging.

Die Antwort seiner Frau Emma hörte er zwar, aber verstand er nicht mehr. Starr und angewurzelt stand er im Foyer und sah wie eine Frau im weißen Nachthemd und blutüberströmt vor ihm stand. Mit einem Messer in der Hand sagte sie zitternd: „Helfen sie mir“.

 

„KRISENSITZUNG, SOFORT“, schrie Tanja in die Wechselsprechanlage und kommentarlos wurde der Summer betätigt.

Vanessa und das rote Tigertier schauten gespannt um die Wohnungstür als Tanja die Stufen erklomm. Tanja rannte in die Wohnung drehte sich um und präsentierte Vanessa einen Schwangerschaftstest.

„Ich brauch deine Hilfe.“

„Klar, komm ruhig rein. Wann ist denn das passiert? Und vor allem mit wem?“ fragte Vanessa.

Tanja offenbarte Vanessa die Situation in Schwerin mit Jens. Vanessa trank schweigend ihren Kaffee, hörte aber wahrscheinlich gespannt zu. Tanja war das eigentlich egal… ihr ging so viel durch den Kopf, es musste alles raus bevor ihr Kopf explodierte. Was würde aus ihrem Job werden? Bräuchte sie seine neue Wohnung? Ohne Job könnte sie sich nicht mal eine größere Wohnung leisten.

„Warst du schon beim Frauenarzt?“

„Nein.“

„Bekomm, das noch heute auf die Reihe. Theoretisch 9. oder 10. Woche. Du hast da nicht viel Spielraum…“, meinte Vanessa.

„Spielraum, wenn du kein Kind möchtest… außer eine Abtreibung kommt zu 100% nicht in Frage. Dann hast natürlich ein paar Monate Überlegungsspielraum hinsichtlich deiner Lebensplanung.“

„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Würdest du abtreiben, wenn du ein Kind nicht wölltest?“

„Hmm… Die Vorstellung, dass ein Lebewesen durch Unterdruck zerrissen wird und anschließend aus einen herausgesaugt wird ist sadistisch.“ Tanja musste bei Vanessas Worten würgen. Sie musste grade an Kükenschreddern denken – dass einzige, was ihr als absolut sadistisch einfiel – und musste auf Toilette rennen um ihr Frühstück zu verabschieden.

„Ok, das scheidet schon mal aus, aber zum Arzt solltest du trotzdem gehen“, meinte Vanessa als sie ihrer Freundin ein Glas Wasser hinterher trug.

Tanja wollte grade etwas erwidern als ihr Telefon klingelte. Daniel wollte, dass sie aufs Revier kommt.

„Ich muss los, Dani meinte, da steht eine Täterin im Foyer… was auch immer das heißen mag.“

„Aha.“

 

Tanja traute ihren Augen nicht, als sie das Polizeirevier betrat. Mittig im Foyer stand eine Wand aus weißen Tüchern, wie die, die in Krankenhäusern Patienten voneinander trennen. Dahinter war eine große Malerfolie ausgelegt. Darauf stand nackt eine Frau um die 25 Jahre. Dr.Brumm stand neben der zitternden Frau und entfernte mit einem Hölzstäbchen etwas unter den Fingernägeln, während Daniel ein weißes Kleid in einen Beweismittelbeutel schob. Yannick fotografierte die Frau. Blut klebte in den blondierten Haaren. Am Hals und den Armen waren Blutergüsse zu sehen.

„Wer ist die Frau?“, fragte Tanja.

„Wissen wir nicht. Sie kann sich nicht an ihren Namen erinnern. Auch nicht warum sie Blutüberströmt ist und ein Messer bei sich hatte“, antworte Yannick.

„Ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt jemanden verletzt hat“, meinte Dr. Brumm. „Das Blut hat sie rechtsseitig auf der Kleidung und im Gesicht, aber dies muss die Spurensicherung klären.“

„Kann ich irgendwas machen?“ Fragte Tanja

„Ja, schau bitte am Rechner, ob wir eine Vermisstenmeldung haben oder vielleicht einen Toten ohne Verdächtigen“, meinte Daniel.

Tanja ging los. Etwas stimmte nicht mit ihr. Sie fühlte sich flau und ihre Beine zitterten. Ihr war aus dem nichts heraus wie weinen zu mute. Tanja lehnte sich ans Treppengerüst und atmete tief durch. Vanessa würde jetzt einen großen Vortrag über die Überemotionalität in der Schwangerschaft halten. Tanja schleifte sich an ihren Dienstrechner. Tote in den letzten drei Tagen: 0. Guter Witz Daniel, dachte sich Tanja. Sie waren schließlich die KriPo, wenn es einen Toten gäbe, wären sie grade beschäftigt.

Tanja schaute ins Vermisstenregister. 3 jugendliche Ausreißer aus sozialen Problemfamilien, eine demenzkranke Rentnerin aus dem Pflegeheim abgehauen, und ein Mann Mitte 40, der von einem Wanderausflug nicht wieder kam. OK, die Frau da unten sah nicht aus, als würde sie seit Tagen durch die Gegend irren und Leute mit dem Messer erschrecken. Das sah auch Tanja ein. Sicherheitshalber schrieb sie eine Beschreibung der Frau und schickte sie an alle Reviere des Bundeslandes.

Tanja ging wieder runter ins Foyer. In der ganzen Zeit, wo sie hier arbeitet, hat sie noch nie so viele Beamte im Revier gesehen.

„Ich bitte sie, lassen sie unsere Gerichtsmedizinerin und die Spurensicherung ihre Arbeit machen“, schrie Tanja durch den Raum und setzte noch: „ Wir können schließlich auch keine Gaffer auf der Straße ab, die uns unsere Arbeit erschweren.“

Entsetzte Augen schauten zu Tanja. Schlimmer als hätte sie sich zum Propheten der Weltreligion ernannt. Den Freund und Helfer in Uniform Vorwürfe machen war eindeutig grenzwertig, aber erfolgreich. Die meisten Männer setzten sich mit ihren Kaffeebechern und Lunchboxen wieder Richtung Arbeitsplatz.

„Danke, Frau Richter“, sagte Frau Dr. Brumm.

Tanja nickte freundlich Dr. Brumm zu und fragte die unbekannte Frau: „Können sie uns irgendwas über sich erzählen?“

„Ich weiß nicht“, antworte eine leise Stimme, die mehr an ein junges Mädchen als an eine erwachsene Frau erinnert hätten.

„Wissen sie, wo sie heute waren?“

„Ich weiß es nicht. Ich bin an einem asiatischen Restaurant und an einer Edeka vorgelaufen.“

„Welchen Tag haben wir heute?“

„Dienstag“.

Allgemeines wusste sie, persönliches nicht. Tanja schaute zu Dr. Brumm.

„Ich schätze eine Amnesie durch ein Trauma. Das muss sich aber wirklich der Arzt im Krankenhaus anschauen. Der Krankenwagen fährt auch schon vor. Ich würde in die psychiatrische Abteilung einweisen lassen, aber zuerst eine Untersuchung auf sexuelle Gewalttat.“

Tanja schaute hoch.

„Wir müssen alle Spuren sichern beziehungsweise jede Möglichkeit in Betracht ziehen, warum es dazu kam.“

Die Rettungssanitäter nahmen die unbekannte Frau mit. Frau Dr. Brumm schrieb noch vieles für die Ermittlungen auf. Sie hatte sogar Reste aus den Zahnzwischenräumen sichergestellt. Tanja fand es fast schon übertrieben eine lebende Frau so zu analysieren. Ihr Handy klingelte.

„Ja, bitte.“

„Ich bin’s“, sagte Vanessa und fuhr gleich fort: „ich habe mir die Freiheit genommen, dir einen Arzttermin für heute 15:40 Uhr zu organisieren. Sei bitte pünktlich.“

„Woher kennst du die Nummer meiner Ärztin? Und überhaupt, ich habe hier einen Fall zu bearbeiten.“ Tanja war verwundert.

„Ich habe dir schon 1000-mal gesagt du sollst deine persönlichen Sachen nicht in irgendeinem ‚Wölkchen‘ speichern. Nein, ich habe nicht dein Passwort geknackt, du hast dich nicht ausgeloggt, als du das letzte Mal hier warst. Ja, dein Fall kann warten. Die eigene Gesundheit ist unersetzbar. Vor allem brauchen die Leute von der Spurensicherung eh bis sie alles analysiert und ausgewertet haben.“

Tanja wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie war überfordert.

„Bist du noch dran? 15:40Uhr, ok?!“

„Ok“, sagte Tanja und legte auf.

„Alles in Ordnung? Du siehst du blass aus“, meinte Daniel besorgt.

„Ähm… ja. Ich hab nur vergessen, dass ich heute Nachmittag einen Arzttermin habe. Also Facharzttermin…“ stammelte Tanja.

„Humboldt ist diese Woche eh auf Tagung. Nimm den Termin war. Gesundheit ist wichtig“, sagte Yannick.

 

Fortsetzung folgt