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Der Fall geht in die nächste Runde.

Tanja war sich bewusst, dass das Schwerin nicht die Hauptstadt von Mecklenburg war, sondern eine Gemeinde in Brandenburg, aber dass das Dorf so klein ist, war ihr nicht bewusst.

Hier sagten sich Fuchs und Hase ‚guten Nacht‘. Tanja schaute sich um. Sie stand mittig auf dem Polizeiparkplatz. Fünf Parklücken. Das war auch nicht viel. Ihre Sachen hatte sie schon in der Pension gebracht.

„Hier will man nicht tot übern Zaun hängen, nicht?“ Fragte eine Männerstimme. Tanja drehte sich um.

„Sie sind Tanja Richter, nicht wahr? Ich bin Jens Lehmann“, sagte der Mann und gab Tanja die Hand.

„Möchten sie einen schlechten Kaffee zur Begrüßung?“

„Gerne!“, antwortete Tanja und ging mit Lehmann ins Gebäude.

 

Es war wirklich schlechter Kaffee. Tanjas Magen begann schon nach zwei Schlucken zu rebellieren. Jens Lehmann grinste über den Rand seines Potts hinweg zu Tanja. Tanja zupfte verlegen eine kupferrote Lockensträhne hinter ihr Ohr.

„Was ist nun mit dem Wagen?“ fragte Tanja. Sie konnte nicht noch länger warten.

„In gut eineinhalb Stunden wird der Wagen rausgezogen. Dann können wir schauen, was wir haben und vor allem wen wir da haben.“

„Wen?“

„Die Taucher, die wir runter geschickt gehaben, haben einen Leichnam auf der Fahrerseite gesehen. Logisch… der Wagen ist von der Fahrbahn abgekommen – ergo jemand ist gefahren“, meinte Jens Lehmann und schaute verträumt Tanja an.

„So oder so, es ist ein Unfall gewesen und es geht nur um die Frage: ist der Wagen gestohlen.“

Tanja nickte und dachte sich, nur ein Unfall, der nur ein Leben gekostet hat.

Das Wetter wurde zunehmend schlechter. Dunkle Wolken zogen sich über dem Zemminsee zusammen. Gefühlt war jeder Bürger von Schwerin anwesend… so circa 100 Menschen und 300 Ziegen und Schafe, die sich das Spektakel um ein versunkenes Auto nicht entgehen lassen wollten.

Tanja schaute sich über die Schulter und beobachtete Jens, wie er mit den Leuten von der Technik sprach. Gut sah er ja aus. Athletischer Typ – kein Muskelkerl, ohne Hirn. Eine gute Mischung halt. Tanja schüttelte den Gedanken ab. In ein paar Minuten würde sie erfahren, ob der Tote Daniels Bruder ist und sie macht sich Gedanken, wie gut aschblondes Haar und blaue Augen zusammenpassen. Tanja schämte sich auf einmal, genauso wie sie es vorgestern in ihrem Auto tat, als ihr bewusst wurde, wie verletzend sie gegenüber Vanessa gewesen war.

„Geht es ihnen nicht gut?“ Jens stand direkt neben Tanja.

„Doch… alles gut, ich bin etwas angespannt. Es kann sein, dass der Fahrer eine bei uns vermisste Person ist“, antwortete

„Ich dachte, es geht um den Wagen“, entgegnete Jens, etwas außer konzeptgebracht.

„Ja auch, also hauptsächlich… Mein Kollege vermisst seinen Bruder. Dieser hat bei einem Autoschieber Geld geliehen und deswegen vermutet mein Kollege, dass sein Bruder diesen Wagen aus Holland hier her bringen sollte.“

„Das ist jetzt natürlich etwas viel für mich…“ meinte Jens und prustete Luft raus.

„Für mich auch.“

Die Seilwinde setzte sich in Bewegung. Alle schauten gespannt auf die Wasseroberfläche.

Langsam kam ein schwarzer Kofferraum zum Vorschein. Ein Tuscheln begann. Was dies der gestohlene Wagen. Der Wagen war schon zur Hälfte draußen, aber besonders sah er nicht aus. Durch die Scheibe der Fahrertür war ein lebloser Körper zu sehen, der mit dem Kopf auf dem Lenkrad lag. Der Wagen war nun vollständig aus dem Wasser.

„Das ist er?“ fragte Tanja ungläubig

„Der Wahnsinn, nicht? Wetten, die Armatur ist Mahagoni und die Sitze aus echten Leder“, Jens himmelte jetzt schon das Auto an.

„Das ist ein ganz normaler PKW“, sagte Tanja enttäuscht und lief zu dem Auto hin. Der Gerichtmediziner stand schon an der Fahrertür und schaute sich den Verstorbenen an.

„Glatter Genickbruch. Hat nichts mehr mitbekommen“, Er drehte drückte den Körper zurück in den Sitz und Tanja schaute dem Toten ins Gesicht. Es war nicht Paco.

„Und? Ist es euer Vermisster?“ Fragte Jens.

„Nein, aber das Gesicht sagt mir was. Ich denke wir werden in den Mann in unserem System finden. Ich muss kurz telefonieren“, meinte Tanja und ging, ohne die Antwort abzuwarten los, nahm ihr Handy aus der Jackentasche und rief Daniel an.

„Fäßl“

„Ich bin’s“, meinte Tanja

„Ist es der Wagen?“

„Model passt, zu mindestens nach Jens Lehmanns Einschätzung der Dinge.“

„Und die Insassen?“

„Nur der Fahrer – ist aber nicht Paco“, antwortete Tanja und langes Schweigen machte sich breit.

„Tut mir Leid“, meinte Tanja

„Besser, als eine Leiche mehr zu haben“, meinte Daniel und beendete das Gespräch.

Tanja ging wieder zu Jens und erfuhr, dass das höchstwahrscheinlich der gestohlene Wagen sei.

„Die Technik schaut sich das aber noch genauer an. Mit der Gestellnummer können wir mehr sagen. Ihr Chef hat sich doch um ein Hotel gekümmert, oder?“ fragte Jens

„Ja, im Haus am See“, antwortete Tanja

„Oh, bei Gabi… hätte ich ihnen ach empfohlen, aber nehmen sie nicht das Pfeffersteak. Das ist so englisch, es muht vor Wut, wenn sie mit dem Messer rangehen“, feigste ein Mann von der Technik.

„Also es lebt nicht mehr… aber blutig ist da wörtlich zu nehmen“, meinte Jens, der Tanjas entsetzten Blickmitbekommen hat. „Kommen sie, ich lad sie zum Abendessen ein. Ich kenn da einen Geheimtipp.“

„Sag doch einfach Tanja“, meinte Tanja. Vanessa wäre in Ohnmacht gefallen, so schnell das du anzubieten. ‚Sag doch gleich: hallo, ich bin zu haben… für alles‘, meinte Vanessa mal zu ihr. Tanja musste Jens verschmitzt an schmunzeln. Warum nicht?

„Und ich bin der Jens. Auf den Weg zum Essen, zeige ich dir noch ein paar schöne Orte“, meinte Jens und machte eine Geste Richtung Dorfmitte.

Die Gaststätte hieß Zur Bardenzunft. Es war mittelalterlich eingerichtet und bot eine deftige Küche an. Wein und Bier wurden in rustikalen Tonbechern gereicht. Die Empfehlung des Hauses waren Rippchen in einem Bier-Honig-Sud mit Hausgemachten Schlachtekraut und einer Kante Brot. Dies war der eindeutige Fall von: Man darf sich als Frau ein Bier bestellen und man darf mit Fingern essen. Zwei Dinge, die Tanja für ihr Leben gerne tat und es taten die Leute an den anderen Tischen auch. Kein Grund sich zu schämen. Jens nahm ebenfalls die Empfehlung des Hauses.

„Eigentlich habe ich nur einmal etwas anderes genommen“, meinte er.

„War es so schlecht?“ fragte Tanja

„Nein, es war das Kanonenfutter, also die Hackbällchen, auch sehr gut, aber die Rippchen… die sind unschlagbar“, antwortete Jens amüsiert.

Die Stimmung war gut und die Chemie passte. Zwei Polizisten mit vielen Gemeinsamkeiten. Sei es „Children of Revolution“ als Lieblingssong und Kings Worte „I have a dream“. Der Abend ging zu Ende, aber die Nacht ging Richtung Höhepunkte. Sie verließen das Restaurant und gingen Richtung Pension. Tanja schwankte leicht und harkte sich bei Jens unter. Das warme Bier, das deftige Essen und nun die klirrend kalte Nachtluft.

Jens und Tanja betraten das zweistöckige Haus. Im Erdgeschoss gab es vier Zimmer und die Rezeption, welche um 2Uhr nachts offensichtlich nicht bedient wird, und im Obergeschoss gab es nochmals acht Zimmer.

„Wo musst du hin?“

„Gleich hier unten, Zimmer 3“, antwortete Tanja.

„Dann heißt es jetzt wohl….“ Jens beendete nicht den Satz, da Tanja ihm im gleichen Augenblick küsste. Jens erwiderte den Kuss. Sie wollten es beide… zu mindestens in diesem einem Augenblick… war ihnen der Rest der Welt egal.

 

Fortsetzung folgt…