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Und seit ihr schon gespannt, was passiert ist? dann will ich euch gar nicht länger aufhalten…

Die Kfz-Werkstatt war eigentlich ein Autohaus mit Vertragswerkstatt. Im Glashaus wurden teure Autos verkauft und im Hinterhof wurden sie gewartet und repariert. Es gab eine eigene Tanksäule für Benzin, Diesel und Strom. Insgesamt hatte das Autohaus Köhler eine Sekretärin, 3 Verkäufer, 2 Mechaniker, einen Schlosser und zwei Lehrlinge. Herr Köhler schraubte grade fleißig auch mit und erzählte dem Lehrling grade, dass man das Wehwehchen eines Autos schon beim Anlassen Hören kann.

Tanja, die von der Sekretärin – einem bösartigen Drachen in Barbie-Optik – zum Hinterhof geschickt worden war, horchte gespannt zu. ‚Faszinierend, was einige zu hören glauben‘, dachte sie sich.

„Entschuldigung, Sind sie Herr Johannes Köhler, der Inhaber?“, fragte Tanja.

„Genau, der“, antworte dieser und gab Tanja die Hand. „Und wer sind sie?“

„Tanja Richter, KriPo… äh… also nicht offiziell im Dienst, aber ich hätte mal eine Frage“, stammelte Tanja. Ohne Straftat häte sie sich nicht so förmlich vorstellen dürfen. Hätte schon, aber gute Leute halten es für Amtsmissbrauch, wenn sie Ausweis und Schusswaffe sehen und das meistens zurecht.

Herr Köhler machte eine Andeutung es über den Hoflaufens und machte eine kurze Kopfbewegung. Tanja verstand sofort und lief ein Stück mit. Erst jetzt bemerkte sie, wie ängstlich blass der Lehrling schaute.

„Beschaffungskriminalität, Mutter verunglückt und der Vater ein Schläger… Macht aber eine gute Arbeit.“

„Warum Beschäftigen sie solche?“

„Vor über 30 Jahren war ich dieser Junge“, antworte Herr Köhler. „Mir wurde geholfen und das gebe ich zurück.“

„Entschuldigung“, Tanja fühlte sich grade schuldig, der Vorverurteilung. Hatte sie nicht noch vor einer Weile mit Vanessa und Daniel über alte Leute gelästert, die meinen alte Ausländer sind Kriminell und Schwarze sind Sklaven in der Kolonie. Sie hat grade bewiesen, dass sie kein Deut besser war.

„Mein Kollege vermisst seinen Bruder, Paco Fäßl. Die beiden waren eigentlich verabredet, aber Paco ist nicht gekommen. Wissen sie etwas für Paco?“

„Paco ist ein lieber Kerl. Er erzählt oft von seinem kleinen Bruder Daniel. Ihre Kindheit, die schwierige Jugend. Er scheint sehr stolz auf Daniel zu sein.“

„Hat Paco eine Freundin also Lebenspartnerin?“

„Sie heißt Carmen. Der Nachname klang spanisch. Fragen sie nicht. Habe ich mir ehrlich gesagt nicht gemerkt. Er scheint sie von früher zu kennen. Als er wegen der Autohehlerei im Gefängnis war schien der Kontakt häufiger geworden zu sein und seit seiner Freilassung sind sie zusammen, aber jeder hat seine Wohnung.“

‚Ok, kein Nachname‘, dachte sich Tanja und schrieb schnell noch den Namen Carmen in das Notizbuch.

„Wie weit wohnen denn die beiden auseinander?“

Herr Köhler zuckte mit den Schultern während er Schnee von der Kühlerhaube eines Austellungsmodells fegte. „Ich glaube sie fährt 20 Minuten mit dem Bus und läuft dann nur um die Ecke. Hat Paco zumindest mal erzählt. Es wäre ihm lieber sie würde mit dem Auto fahren, da ist sie sicherer.“

„Hat er was gesagt, ob er sich beruflich anders orientieren will?“, hackte Tanja nach.

„Nein, er hat nichts gesagt dergleichen, aber hier in der Nähe ist eine leerstehende Veranstaltungshalle. Dafür hat er sich interessiert. Paco meinte, dort könne man einen Jugendtreff machen. Soziales Miteinander. Vielleicht auch eine Beratungsstelle für Jugendliche mit Problemen. Wissen sie, ich hatte letzten Monat mit ihm darüber geredet, ob er eine Teilhaberschaft am Autohaus will.“

„Nach so kurzer Zeit? Er ist doch grade mal 7 oder 8 Monate bei ihnen, Herr Köhler“

„Ja, aber ich vertraue ihm. Er hat nicht nur die Ausbildung, er hat auch den Meister noch gemacht, bevor er auf die schiefe Bahn kam. Er kann ausbilden. Das können, meine zwei anderen Festangestellten nicht. Die Schlosser sind ein anderes Gebiet. Ein guter Verkäufer bringt viel Geld ein, aber ein Auto repariert sich nicht von allein und meine zwei Lehrlinge brauchen noch ihre Zeit. Und ich… ich bin alt, fast 60, und leider auch krank… ich werde von meiner Altersruhe nicht viel haben.“

Herr Köhler schaute schaute Tanja an, welche verlegen nach unten schaute.

„Ich brauche jemanden, der die Probleme meiner Angestellten versteht und sich nicht von einem Saubermann lächeln beeinflussen lässt.“

Der Rest des Gespräches war eher Smalltalk. Noch ein bisschen Hintergrundwissen über Paco, den Lehrling Tobias und dem Spitzenverkäufer Jan, sowie Herr Köhlers Krebsleiden und die Depressionen des Drachen Ulrike Schuster.

 

Während Tanja nach Hause fuhr schreib sie Vanessa eine SMS, ob sie sich mal das Verkehrsnetz der Stadt nach einer Buslinie anschauen könnte.

Die Antwort kam nach etwa 15 Minuten. Es gab nur eine Buslinie – die Linie 3 – deren Haltestelle eine Querstraße weiter verlief, als Paco wohnte. Die Route der Linie 3 20 Minuten rückwärts verfolgen bringt einem in die eine Richtung zu einem größeren Industriegebiet ohne Wohnhäuser und in entgegengesetzter Richtung ins Wohngebiet Kiesling, welches seinen Namen von den Kiesgruben bekam.

Laut Telefonbuch – so Vanessa – gab es 3 Carmens mit südländisch klingenden Familiennamen… Rodriguez, Sanchez und Pilata. Tanja war erstaunt, wie viel man ohne Dienstmarke rausbekommen kann ohne die Datenschutzrichtlinien zu verletzen.

Tanjas Telefon klingelte. Sie schaltete die Freisprechanlage ein und meldete sich mit „Richter.“

„Hier Daniel.“

„Gespräch mit dem Chef überstanden?“ witzelte Tanja

„Ja, und ich konnte Humboldt überzeugen, dass wir eine offizielle Ermittlung hinsichtlich meines Bruders machen. Ich hoffe du hattest Erfolg mit Köhler.“

„Ja, Köhler hat deinem Bruder die Teilhaberschaft angeboten. Seine Freundin heißt Carmen und müsste laut Vanessas Recherchen in Kiesling wohnen. Das wird sie dir aber bestimmt selber nochmal schreiben. Er hatte an der Lager Halle auf der Rosenstraße Interesse. Wir sollten mal den Markler herausfinden. Ach ja, ich fahr grade zur Dienststelle, also warte mal noch 10 Minuten auf mich.“

„Geht klar.“

 

„Aslo, Carmen Pilata ist 68 Jahre. Ich würde sagen: sie wird es wahrscheinlich nicht sein“, meinte Daniel, während er den nächsten Namen in den PC hämmerte.

„ Carmen Rodriguez ist 37… hmm.“

„Was hmm?“ fragte Tanja nach.

„In meiner Schulzeit ging eine Carmen Rodriguez zwei Schuljahre über mir. Sie war mit Paco befreundet. Der ging sogar noch ein Schuljahr über ihr. Ob sie das ist?“

„Können wir nur herausfinden, wenn wir hinfahren – sie natürlich damit Anlaufstelle Nummer 1. Was ist mit der dritten Carmen?“

„Ist 41 – käme auch als potenzielle Freundin in Frage. Wie sieht‘s mit dem Makler?“

„Gerd Schräber. Makler bei Blatt-Immobilien und einem guten Draht zur Unterwelt.“

„Der kommt dann als nächstes dran“, meinte Daniel, stand auf und nahm seine Jacke. „Kommst du?“

„Moment“, sagte Tanja und packte ihre Waffe ins Halfter.

 

Kießling ist und war eigentlich schon immer ein sozialer Brennpunkt. Billige Sozialbauten und ein verfallenes Asylheim waren sein Wahrzeichen.

Tanja staunte nicht schlecht als sie die fast 2 Meter hohe Birke aus dem Dach der Grundschule ragen sah.

„Und hier bist du zur Schule gegangen? Kein Wunder, dass dein Bruder kriminell wurde“ , sagte Tanja.

„Der Weg hier raus ist schwer und alle verurteilen einen schon mal vor, wenn sie wissen woher man kommt“, antworte Daniel. „Wir müssen glaube ich die nächste links. Ich war hier schon gefühlt seit Jahren nicht mehr.“

„Warum habt ihr hier gewohnt?“ Tanja war auf einmal extrem neugierig etwas über Daniel herauszubekommen.

„Meine Mutter war mit einem Spanier verheiratet. Nachdem unser Vater wegen häuslicher Gewalt ins Gefängnis musste, hat meine Mutter Stefan Fäßl kennengelernt, der Alkoholiker war. Meine Mutter hatte wenig und mein Stiefvater hat das Wenige versoffen. Dann wächst man hier auf.“

„Warum wolltest du dann zur Polizei?“

„Um meine Mutter zu retten.“

„Hat es geklappt?“

„Nein… sie wollte keine Hilfe“, antwortete Daniel verbittert.

„Wir sind da,“ sagte Daniel weiter und parkte sein Auto ein.

Das Haus von Carmen Rodriguez war in einem verhältnismäßig guten Zustand. Lediglich ein Graffiti verschandelte die Fassade.

Sie gingen zum Klingelschild. Es wohnten noch 4 Parteien in dem 16-Parteienhaus.

„Ja, bitte?“ Fragte eine ängstliche Frauenstimme.

„Carmen Rodriguez? Hier sind Daniel Faßl und Tanja Richter von der Kriminalpolizei. Würden sie uns bitte rein lassen?“ antworte Tanja.

Der Türsummer ging und Daniel und Tanja machten sich auf den Weg nach oben. Im ersten Stock wurde eine Tür geöffnet. Die Frau schaute Daniel verwundert an. „Bist du es wirklich?“

„Kennen wir uns?“ Fragte Daniel zurück. Er hatte zwar den Namen im Computer gesehen, aber die Frau an der Tür nicht wirklich erkannt, als das Mädchen, was früher in die gleiche Schule ging.

„Wir sind zusammen in die Schule gegangen. Ich war zwei Klassen über dir und eine unter Pacos Klasse. Meinen Eltern gehörte die Buchhandlung.“

„Ja, doch. Ich erinnere mich“, log Daniel. Die Aussage deckte sich ja mit seiner.

„Sie haben noch Kontakt zu Paco?“ warf Tanja einfach mal ein, während sie sich Richtung Wohnzimmer schlängelte.

„Wollt ihr vielleicht erst mal etwas trinken und euch hinsetzen?“ Frage Carmen als ob Tanjas Frage nie gestellt wurde. Daniel und Tanja nahmen jeder ein Glas Wasser und setzten sich.

„Hast du nun Kontakt zu Paco?“, fragte Daniel nochmals.

„Mehr, wie du“, antwortete Carmen. „Paco und ich sind verlobt. Seit dem 02.10. Wir haben das Aufgebot für Februar schon bestellt.“

Tanja war sich nicht sicher ob Daniel fassungslos oder fasziniert schaute. Sie trank seelenruhig ihr Wasser weiter und schaute Carmen an.  Sie war schlank, aber irgendwie war da ganz schön Busen und auch Bauch. Die Frau hatte Augenringe, aber einen glänzenden Teint.

„Im wievielten Monat sind sie?“ Fragte Tanja auf einmal und hoffte auf einmal, dasss es sich nicht um einen Blähbauch handelte.

„Im vierten, also fast fünfter Monat“, antwortete Carmen.

„Deshalb so schnell die Ehe?“ Fragte Daniel, der jetzt eher tollwütig als erfreut aussah.

„Nein.“

„Ok, Familieninterne Differenzen könnt ihr später besprechen. Wann haben sie Paco das letzte mal gesehen?“ Harkte Tanja nach.

„Vor 2 Tagen.“ Carmen funkelte Daniel böse an.

„Was wissen sie über die Halle auf der Rosenstraße?“ fragte Tanja weiter.

„Paco wollte ein Freizeitzentrum für Jugendliche aus schweren sozialen Verhältnissen machen“, antwortete Carmen.

„Dafür braucht man geschultes Personal und überhaupt, wovon wollte Paco das bezahlen?“, fragte Daniel genervt.

„Zufällig bin ich studierte Psychotherapeutin und darf mit Jugendlichen und Kindern arbeiten. Das Geld wollte er sich leihen und einen Teil hätte die Teilhaberschaft in der Kfz-Werkstatt eingebracht.“

„Kredit beantragen oder Geld leihen?“ fragte Tanja, obwohl sie ahnte welche Antwort gleich kam.

„Wir haben beide keine Rücklagen als Sicherheit und die Teilhaberschaft hätte erst im März begonnen.  Der Makler kannte da jemand, der bei sowas aushilft.“

„Na super…“ meinte Daniel bevor er sich auf machte Carmen eine ganze Reihe von Vorwürfen an den Kopf zu werfen.

Tanja war froh die beiden wieder zu trennen, ob wohl Carmen mit dem Verweis wo die Tür ist alles gesagt hatte: Sie werden sich nicht mögen – niemals.

 

Fortsetzung folgt…