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Ich habe die vierte Kurzgeschichte geschieben *jey* und werde diese über die Woche verteilt veröffentlichen. Viel Spaß beim Lesen.

Daniel stand vor dem Haus seines Bruders Paco. Er hatte drei Mal geklingelt und es kam keine Reaktion. Er schaute zum Fenster hinauf. Es war offen. Aber trotzdem keine Reaktion.

Daniel war wütend. Hatte er nicht alles in seiner Macht stehende getan? Hatte er nicht zu seinem Bruder gestanden, als dieser verhaftet wurde – verurteilt – wieder eingegliedert wurde?

Er nahm den Ersatzschlüssel aus seiner Jackentasche schloss die Haustüre auf und ging die ausgetretenen Marmorstufen in den ersten Stock hoch. ‚Warum machte er das?‘ fragte sich Daniel.

Daniel blieb auf der obersten Stufe wie angewurzelt stehen. Pacos Wohnungstür stand offen. Der Türrahmen war von einem Blecheisen beschädigt….

 

„Ich hoffe, du weißt, wie du dich an einem Tatort verhältst“, sagte Tanja, während sie auf das Umschalten der Ampel wartete.

„Vanessa?“

„Ja, das ist mir vollkommen klar…. Du hast es ja schon in den letzten 7,5 Minuten der Autofahrt zwei Mal erklärt“, antworte Vanessa und schaute aus dem Beifahrerfenster.

Vor zwei Wochen hat Humboldt entschieden, dass Vanessa als polizeiliche Beraterin mit die Fälle der Abteilung einbezogen werden darf. Wenn ihr sowieso alles mit Frau Thun besprecht, könnt ihr sie auch gleich zu den Tatorten mitschleppen, meinte Humboldt.

„Nichts anfassen und nichts verrücken“, wiederholte Tanja und gab Gas. Die Reifen drehten auf dem Schnee durch. Seit Jahren hat Tanja keinen solch verschneiten Dezember erlebt. Der Winterdienst war überfordert, das Streusalz alle und der Splitt schon lange überschneit.

„An und für sich ist es noch kein Tatort. Wir wissen nicht, ob es sich um ein Verbrechen handelt – wir helfen Dani, weil er glaubt, sein Bruder baut grade Scheiße“, während Vanessa dies sagte, schaute sie weiterhin aus dem Fenster, als hätte sie noch nie eine Stadt im Schnee versinken sehen.

„Sein Bruder hat definitiv was am Laufen, das nicht im Sinne des Gesetzgebers ist.“

„Sicher?“

Tanja bog mit ihrem Wagen, einem grünen SEAT Ibiza, in die Seitenstraße ein. Daniel wartete bereits an einer Haustüre und winkte als er den Wagen sah.

 

„Also, was ist los?“, fragte Tanja. Sie gingen grade wieder die Treffe hoch zur Wohnung.

„Naja, Paco hatte mich am ersten Advent angerufen und mir eine schöne Vorweihnachtszeit gewünscht. Das ist schon ungewöhnlich, aber ok. Aber dann fing er an, dass er sich Gedanken gemacht hat, wie er wieder Fuß fassen kann und dass wir uns heute treffen sollten.“

„Hatte er Probleme nach seiner Entlassung?“, fragte Vanessa.

„Nein, er hat sogar einen Job in einer Kfz-Werkstatt bekommen“, antwortete Daniel.

„Was? Der hat Auto geklaut und über die Grenze gebrachte“, Tanja hörte auf die Einbruchsspuren an der Tür sich anzuschauen. „Wie hat der eine Anstellung bei einer Werkstatt bekommen?“

„Paco ist gelernter KFZ-Mechaniker und der Arbeitgeber hat schon öfters Resozialisierungsprogramme mit gemacht und hat es nie bereut.“

„Vielleicht sollten wir den Chef mal fragen“, sagte Vanessa. Tanja schaute sie ungläubig an.

„Wenn er wirklich was anderes oder vielleicht auch etwas selbstständig machen wollte, wird es ja seinem Chef gesagt haben – sowas hat ja Fristen“, erwiderte Vanessa.

Daniel nickte: „das wäre zu mindestens ein Anfang. Wobei ich mich erstmal bei den Nachbarn umhöre, ob jemand was zu der Türe mitbekommen hat.“

„Glaub ich nicht. Die Tür war nicht abgeschlossen und war mit einem Ruck offen. Das hat bestimmt niemand mitbekommen… wobei im ersten Stock, hat eine ältere Dame neugierig aus dem Fenster geschaut. Ich wette, die beobachtet jeden der rein und raus geht.“

 

Das Wohnhaus in dem Paco Fäßl wohnt besaß 4 Stockwerke mit insgesamt 11 Wohnungen. 3 Wohnungen standen leer und eine gehörte Paco selbst. So blieben 7 Wohnparteien zum Befragen übrig.

„Wahnsinn, das ist ein Rentnerhaus… man klingelt an 7 Türen und 5 Leute machen einem auf“, sagte Tanja nach über einer Stunde. Sie und Daniel hatten sich der Befragungen angenommen, während Vanessa sich in der Wohnung von Paco umschaute. Sie trafen sich beim Bäcker, der zwei Hauseingänge weiter seinen Laden hatte.

„Etwas Merkwürdiges in der Wohnung?“, fragte Tanja.

„Er hat mit dem Rauchen aufgehört“, antwortete Vanessa.

„Das hast du woran erkannt?“

„Vergilbte Tapete und übelriechende Kissenbezüge… aber die Gardinen sind weiß gewesen – also auch neu zugelegt – du die Wohnung insgesamt riecht nicht nach rauch. Ergo: er hat mit Rauchen aufgehört.“

„Das ist mir neu. Also das Nichtrauchen, aber auch die Gardinen“, meinte Daniel nachdenklich.

„Sonst noch etwas?“, fragte Tanja.

„Er hat regelmäßigen Besuch gehabt. Bevor du fragst: das sehe am Badmülleimer mit 5l Geruchsstoptüten, den Wattepads und dem Gesichtswasser im Schrankspiegel und der zweiten bezogenen Bettdecke, die im Kleiderschrank liegt. Im Übrigen steht im Kühlschrank ein No-Name Produkt, welches Actimel ähnlich sieht; einmal klassisch und einmal mit Erdbeere, beide Packungen aber schon eine Flasche raus.“

„Mein Bruder hasst Erdbeeren.“

„Ok, jetzt bin ich dran“, sagte Tanja und stellte ihre Tasse überteuerten Kaffee hin.

„Die alte Dame aus dem ersten Stock linke Seite hat erzählt, dass der Herr Fäßl ein wirklich netter und hilfsbereiter Mann ist. Er trennt den Müll, hilft die Einkäufe hochzubringen und grüßt im Haus…“

„Das ist natürlich viel Wert“, entgegnete Daniel.

„… seit gut einem halben Jahr kommt regelmäßig eine junge Frau mit südländischem Aussehen zu Besuch. Für eine ‚Ausländerin‘ hat sie aber auch ein höffliches benehmen. Hmm, ob ich mit einen roten Locken irisch ausländisch aussehe“, witzelte Tanja abschließend.

„Würde mich bei der Altersliga nicht wundern“, meinte Vanessa.

„Dafür hat der Mann, der in der Erdgeschosswohnung lebt, gestern zur Kaffeezeit zwei tätowierte Schlägertypen gesehen. Etwa eine Stunde später gab es einen stumpfen Knall und wenig später Radau im Treppenhaus. Weiß jemand dazu etwas?“, fragte Daniel.

„Vor drei Tagen hat Paco dich angerufen und gesagt, dass er eine gute Nachricht hätte, und gestern muss sich etwas ereignet haben. Das heißt, er wusste nicht, dass er ärger hat oder er hat den Ärger erst Montag oder Dienstagvormittag bekommen“, schlussfolgerte Vanessa.

„Von Radau hat niemand drei alten Damen aus der ersten Etage was gehört… was merkwürdig ist. Sie sind schließlich eine ganze Etage näher dran gewesen als der Mann aus der Erdgeschosswohnung“, Tanja machte sich fleißig Notizen, obwohl es sich offiziell noch gar nicht um eine Straftat handelte.

„Was ist mit der Mietpartei gegenüber von Paco?“ fragte Vanessa

Tanja machte merkwürdige Bewegungen und sagte: „EU-Rentner, weil Taub-Stumm.“

„Das ist noch nicht einmal ansatzweise Gebärdensprache. – Dann bleibt nur noch der Arbeitgeber“, meinte Vanessa ohne auf Tanjas Gesten weiter einzugehen.

„Das muss bis morgen warten. Ich habe noch eine Besprechung mit Humboldt, wegen eines Falls.“

„Ich kann das machen. Ich bummeln eh grade überstunden ab“ erwiderte Tanja und überlegte grade, dass sie ja Vanessa mit hatte

„Ich fahr mit Dani in die Innenstadt rein“, sagte Vanessa als wüsste sie, was Tanja grade durch den Kopf ging.

 

Fortsetzung folgt…