Schlagwörter

, , ,

Und seit ihr schon gespannt, was passiert ist? dann will ich euch gar nicht länger aufhalten…

„Haben wir schon etwas zu der Frauenleiche im Wald?“ Humboldt schaute zu Daniel, der grade am Computer recherchierte, und anschließend zu Tanja, die die Protokolle der gestohlenen Auto in Archivkartons mit der Aufschrift ‚UNGELÖST‘ verpackte. Seit vier Tagen warteten alle gespannt auf die Laborergebnisse.

„Eventuell“, meinte Daniel woraufhin Tanja zu ihm hinsah.

„Was heißt eventuell?“ harkte Humboldt nach.

„Vor 2 Wochen meldete Richter Holger Weiß seine Gerichtshilfe als vermisst. Sie heißt Iris Jorgensen, ist 39 Jahre, blond…“ Daniel wollte wahrscheinlich grade das gesamte Aufnahmeprotokoll vorlesen als Humboldt ihn unterbrach.

„Iris Jorgensen?!“

„Ja. Kennen sie die Frau?“

Tanja schaute immer zwischen den Männern hin und her und fühlte sich vom Gespräch ausgeschlossen.

„Als ich der Neue bei der Kripo war… das muss so Sommer oder Herbst 1992 gewesen sein“, Humboldt nahm sich einen Stuhl und holte weit mit erzählen aus.

„Der erste Fall mit dem ich betraut wurde war der Mordfall Voigt. Sie hieß Vigga Voigt geborene Jørgensen. Sie war 1953 in Kiskelund, nicht weit hinter der Deutsch-Dänischen Grenze, geboren. 1978 wurde sie von drei unbekannten überfallen und vergewaltigt. Dabei wurde sie mit Iris Jørgensen schangen.
Kurz vor der Wiedervereinigung lernte Vigga Jørgensen Samuel Voigt kennen und zog nach der Hochzeit nach Deutschland. Häusliche und sexuelle Verwalt waren an der Tagesordnung sowohl bei der Mutter als auch im Leben der Tochter.
1992 hat es Voigt übertrieben. Weil seine Frau zum dritten Mal eine Fehlgeburt hatte, wohl bemerkt, weil er sie die Treppen hoch und runter geprügelt hatte, schlug er Vigga Voigt mit einem Schürharken und verletzte sie tödlich am Kopf.“

„Was passierte mit Iris Jorgensen?“ Platzte aus Tanja heraus.

„Sie war damals 14. Ich erkannte sie damals gar nicht als Mädchen. Ihr Gesicht war vollkommen grün und blau und stark verschwollen. Sie kam ins Heim und später in eine Pflegefamilie – wirklich guten Leuten. Sie hat das Abitur gemacht und wollte gerne Jura studieren.
Der Name, das Alter und die Berufsrichtung passen zur vermissten Beschreibung. Warum der alte Herr Weiß Iris Jorgensen als vermisst meldet wundert mich allerdings“, schloss Humboldt ab.

„er hat sogar eine tätowierte Blumenranke oberhalb der Leistenregion beschrieben“, erklärte Daniel.

„Moment, die Farbe von Tätowierungen kann man auch im tieferen Gewebe erkennen und bei ausgedörrter Haut auch wieder sichtbar machen, oder?! Das müsste Dr. Brumm herausfinden können“, mischte sich Tanja ein und drückte auf dem Telefon schon die Nummer der Gerichtsmedizin.

„Gerichtsmedizin, Büro Frau Dr. Cornelia Brumm. Sie sprechen mit Anita Klein“, meldete sich eine unbekannte Stimme.

„Jacob Humboldt. Kripo. Ich habe eine Frage zur unbekannten Frau“, schrie Humboldt entgegen, bevor Tanja auch nur ein Wort sagen konnte. War sie denn total überflüssig? Trotzig lehnte sie sich nach hinten an die Lehne ihres Bürostuhles und schaute Humboldt schmollend an.

„Ich hole die Frau Doktor ans Telefon“, danach war gut eine Minute Pause am Ende der Leitung.

„Brumm.“

„Hier Jacob. Hat unsere Tote aus dem Wald eine Tätowierung im Leistenbereich?“

„Ja, oberhalb des rechten Beckenkammknochens. Wahrscheinlich etwas Richtung Tribal oder Ranke. Nützt ihnen das was?“

„Ja, vielleicht, wir schicken ihnen schnellstmöglich etwas für DANN oder Zahnabdrücke. Aufwiederhören.“

„Melden sie sich, wenn sie was haben.“

Damit war das Telefonat beendet. Humboldt schaute in die Runde.

„Daniel, du suchst dir die Adresse raus und fährst hin, befragst die Nachbarn und wenn nötig lässt du die Tür öffnen.“ Daniel nickte und macht sich an die Arbeit.

„Tanja, sie fühlen Richter Holger Weiß vorsichtig auf den Zahn, was dies für ein Arbeitsverhältnis war. Und wenn ich sage vorsichtig, dann meine ich auch vorsichtig beziehungsweise gefühlvoll. Wir brauchen keinen Ärger von Richtern oder Staatsanwälten – egal auf welchem Gebiet.“

„Geht klar, Herr Humboldt“, sagte Tanja stand auf, nahm ihren Trenchcoat von der Stuhllehne und ging los.

 

Tanja hätte am liebsten in das Lenkrad gebissen. Konnte es denn wirklich war sein, dass man für 4,5 km Innenstadt tatsächlich 40 Minuten braucht. Zu Fuß wäre sie schneller gewesen. Selbst wenn sie noch an jeder Ampel gestanden hätte, wäre sie schneller gewesen, als mit ihrem Wagen.

Es gab ein Hupkonzert für den ortsfremden Fahrer, der sein Auto beim Linksabbiegen statt die linke Fahrspur das rechte Gleißbett der Straßenbahn erwischte und stecken blieb. Stau soweit das Auge reichte. Buse und Bahnen schön verteilt dazwischen. Das Abschleppauto der gelben Engel kam zwar ran, aber konnte nicht mehr zurückfahren, da andere Autofahrer auch nicht aufmerksam waren.

Tanja nutzte die Zeit um ihre Mails zu bearbeiten und noch ein bisschen Recherche zu Holger Weiß zu führen. Ein Wort Tippen, einen halben Meter fahren, eine Zeile lesen, einen halben Meter fahren,… aber irgendwann war sie dann auch endlich über diese Albtraumkreuzung drüber und auf direkten Weg zum Arbeitsgericht.

Das Arbeitsgericht war ein klobiger Glaskasten, der von der Straße aus betrachtet an den schiefen Turm von Pisa erinnerte. Im Eingangsbereich war eine elektronische Tafel, die Verhandlung, Raum, Uhrzeit und Richter dokumentierte. Die Rechtsstreite, die hier ausgefochten wurden, mussten fast alle 7 bis 11 Monate auf einen freien Richter warten.

„Suchen sie eine bestimmte Verhandlung?“, eine angenehme Männerstimme erklang hinter Tanja. Sie drehte sich um und schaute in bernsteinfarbene Augen.

„Ich suche Richter Holger Weiß“, antwortete Tanja verlegen und merkte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg.

„Er ist in seinem Büro. 2. Stock – Tür 2.13. Er hat aber in einer Stunde die nächste Verhandlung. Möchten sie lieber einen Termin?“

„Ich brauche keinen Termin…“, meinte Tanja und zeigte ihren Ausweis: „… und auch keine Stunde.“

„Entschuldigung. Ich bin Kevin Schuster.“

„Richter?“

„Nein, Rechtspfleger.“

„Was machen Rechtspfleger so den ganzen Tag?“ Sie liefen den Gang entlang und die Treppen hoch in den 2. Stock.

„In Grundbuchsachen entscheiden wir unter anderem über Anträge auf Eintragung beim Erwerb von Grundstückseigentum oder die Begründung von Wohnungseigentum sowie auf Eintragung von Belastungen des Grundstücks. Ebenso führen wir das Handelsregister, Genossenschaftsregister sowie des Partnerschafts-, Vereins- und Güterrechtsregister. Wir entscheiden z. B. über die Ersteintragung von Personenhandels- und Kapitalgesellschaften.
In Nachlasssachen eröffnen wir Testamente, verkünden Erben den letzten Willen Verstorbener und erteilen Erbscheine.
Im Familien- und Vormundschaftsrecht entscheiden wir selbstständig über Anträge auf Festsetzung von Kindesunterhalt im vereinfachten Verfahren. Wir richten Vormundschaften ein, verpflichten den Vormund, führen ihn in sein Aufgabengebiet ein und belehren ihn über seine Rechte und Pflichten.
Oh… hier sind wir auch schon. Ich glaube ich war etwas ausufernd“, er zeigte auf die Tür 2.13 und lächelte Tanja an.

„Kein Problem, ist hätte gar nicht Gedacht, dass diese Ausbildung so ein weites Spektrum hat.“ Ehrlich gesagt hatte Tanja immer gedacht, dass Rechtspfleger ein Hilfsberuf sei. Vanessa hatte Recht: Klischees sind eine schlimme Sache, vor allem wenn man nur die Hälfte weiß.

Tanja klopfte zweimal und trat ohne zu zögern ein. Das Büro war schlicht eingerichtet. Die gesamte rechte Wand bestand aus einem Regal mit Aktenordnern und Gesetzestexten, beim Fenster stand eine Zimmerpalme und vorm Fenster ein großer Schreibtisch. Auf der linken Seite befand sich lediglich ein graues Sideboard, dessen Inhalt für Tanja nicht sichtbar war.

Ein älterer, aber dennoch attraktiver Mann saß am Schreibtisch und schaute gespannt zu Tanja.

„Richter von der Kripo. Ich wollte sie etwas zur Vermisstenanzeige Jorgensen fragen“, galant zeigte Tanja ihren Ausweis und steckte ihn gleich wieder weg.

„Setzen sie sich“, Weiß verwies Tanja auf den rechten der beiden Stühle vor dem Schreibtisch.

„Haben Sie sie gefunden?“

„Nein, wir wollen nur noch ein paar Fragen stellen.“

„Was wollen Sie wissen?“

Wie war Ihr Verhältnis zu einander?“  Es platzte einfach so aus Tanja raus.

„Das nenne ich mal direkt. Wir haben eine Art Beziehung mit einander“, antwortete Herr Weiß.

„Weiß das Ihre Frau?“

„Meine Frau liegt seit 12 Jahren im Koma.“

„Entschuldigung. Ich wollte…“ Tanja kam ins stammeln. Sie war tatsächlich zu direkt – nein sie war ein Trampel.

„… nicht unhöflich sein?! Sind Sie aber. Iris arbeitet seit 10 Jahren für mich. Davon sind wir jetzt 9 Jahre in einer Beziehung. Sie hat ihre Wohnung als Rückzugsort und wohnt in der Regel 4 Tage die Woche bei mir. Vor zwei Wochen – es war ein Freitag – haben wir Feierabend gemacht. Sie sagte, sie wolle noch etwas am Wochenende erledigen und ist am Montag nicht auf Arbeit erschienen. Seit diesem Montag versuche ich tagtäglich die Polizei davon zu überzeugen, dass eine Straftat geschehen sein muss und nun höre ich mir ihre unnötigen Fragen und Kommentare an. Finden Sie das richtig?“

„Nein“, sagte Tanja kleinlaut. Wenn Humboldt davon erführe, kann sie den Job an den Nagel hängen. Daniel hatte ja angedeutet, Holger Weiß währe mehrfach bei der Polizei gewesen… .

„Möchten Sie sonst noch eine unverschämte Frage stellen? Ich muss in einer halben Stunde wieder in die Verhandlung“, Herr Weiß zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch.

„Nein. Doch. Hatte Iris Jørgensen Feinde oder Probleme?“

„Ihr ganzes Leben ist ein Problem gewesen. Ihr Vater war ein Vergewaltiger, ihr Stiefvater ist ein Verwalter und Mörder und ihre eigene Mutter hatte nicht die Courage gehabt ihr eigenes Kind vor solchen Menschen zu beschützen.“

„Hat Iris ihren leiblichen Vater gekannt?“ Wollte Tanja wissen. Unwahrscheinlich, wenn die Mutter von unbekannten vergewaltigt worden wäre, dass sie es ihrer Tochter erzählt hätte.

„Die Vergewaltiger von Vigga Jørgensen wurden vor einigen Jahren überführt. Einer wurde bei der Flucht vor der Polizei erschossen. Einer erhängte sich noch in Untersuchungshaft. Der letzte der Drei gestand alle 37 Taten, die auch angezeigt wurden. Der DNA-Abgleich hat es bestätigt. Er ist letztes Jahr in Haft verstorben.“

„Sie wissen ja gut bescheid“, meinte Tanja, während sie sich Stichpunkte in ihr Notizbuch schrieb.

„Wir die europäische Union und Gerichtsverhandlungen sind öffentlich. Außerdem war Iris immer interessiert am Verlauf der Verhandlung. Sie entschuldigen mich jetzt?“ Weiß zog seine Robe über und verwies Tanja des Zimmers.

 

Fortsetzung folgt….