Schlagwörter

, , ,

Wie versprochen habe ich auch noch die dritte Kurzgeschichte überarbeitet und werde diese über die Woche verteilt veröffentlichen. Viel Spaß beim Lesen.

Der Tau des nächtlichen Regens lag noch auf den Blättern der Bäume. Moos rankte sich an den Rinden der Sonne entgegen und Sonnenlicht kam durch die noch zartgrünen Blätter herab zum Waldboden. Der Boden unter Enrico Zimmert seinen Füßen war weich und gab unter jedem Schritt nach. Der diesjährige Juni war launisch und wechselhaft. Warm, aber nass. Was den normalen Bürger ärgerte, erfreute Enrico, denn es war das Wetter um auf Pilzsuche zu gehen. Die Steinpilze im Mai waren sehr spärlich, weshalb Enrico auf die Pfifferlinge hoffte.

Er kannte den Wald. Leichtfüßig sprang er über den kleinen Fluss, der sich in den letzten 25 Jahren an der Oberfläche der Welt erkämpft hatte, vorbei an den Stümpfen alter Eichen, die gefällt werden mussten, hin zu einer kleinen Lichtung.

Ein leises Knistern im Unterholz erweckte Enricos Aufmerksamkeit. Ein Tier? Nicht ungewöhnlich für einen Wald, aber dennoch merkwürdig. Er drehte sich Richtung Osten und musste seine Augen sogleich etwas abschirmen, da die Sonne doch noch sehr niedrig stand. Vielleicht ein Fuchs? Ja, das rötliche Fell gab es her. Was macht er da nur? Enrico ging vorsichtig weiter. Ein Fuchs ist keine Gefahr für den Menschen, aber was hat er da?! Einen Knochen oder Fleisch? Er ging näher.

Er erkannte es. seine Beine wurden weich. Er merkte, wie sich sein Magen verkrampfte und das Herz raste. Der Fuchs hatte einen Unterkiefer. Dieser gehörte zu einem Menschen…

„Was hast du nur getan???“ Tanja war fassungslos und schaute Vanessa mit aufgerissenen Augen und offenen Mund an.

„Willst du nun reinkommen, oder nicht?“ Eine Gegenfrage die nichts, aber auch rein gar nichts mit Tanjas Frage zu tun hatte.

„Wo sind deine Haare?“ Tanjas Mund stand immer noch offen, aber sie ging langsam Richtung Wohnungstür und weiter Richtung Wohn- Schlafzimmer.

„Weg.“

„Du siehst aus wie Natalie Portman in dem Film ‚V wie Vendetta‘“, meinte Tanja und schlussfolgerte sogleich: „Du bist doch nicht etwa auf Blutrache aus, oder?“

Vanessa schaute angeödet oder zu mindestens sehr skeptisch zu Tanja rüber, während sie den Wasserkocher einschaltete.

„Weit du eigentlich, wie lange es dauern wird bis deine Haare wieder beim Hosenbund angekommen sind?“

„Länger als das Abschneiden gedauert hat… Sie reichten bis zum Hüftgelenk – so nebenbei bemerkt.“ Tanja schaute auf. War das etwa Humor?! Ja, von der Mimik her, war es Humor, getarnt durch Sarkasmus.

„Ist eigentlich mal wieder etwas Spannendes auf Arbeit passiert?“ fragte Vanessa während sie den Cappuccino aufgoss.

„Du meinst, zwischen Elise Hill und Heute? Äh…. Ähm… 27 geklaute Autos, 16 Einbrüche und 5 Brandlegungen. Davon 48 Fälle ohne Täterbeschreibung. Wahrscheinlich Ausländer oder Polen oder sonst wer, der noch nie in Erscheinung getreten ist und/oder nicht in der Stadt leb“, Tanja war über die Ergebnisse der letzten drei Wochen echt frustriert.

„Polen sind innerhalb von Deutschland auch Ausländer – wenn du dich schon an Klischees hältst, dann richtig.  48 von 48 heißt im Umkehrschluss: alle. Im Durchschnitt also 16 ungelöste Fälle pro Woche. Ihr seid wirklich schlecht. Hast du dir noch nie ein Vorbild an den Kollegen im TV genommen“, Vanessa rührte genüsslich ihren Cappuccino und machte sich ironisch über Tanja lustig.

„Die Kollegen im TV sind Schauspieler… und das sind gestellte Fälle… und da wird Polizeiarbeit zeitlich zusammengeschnitten…“

„… du steigt auch noch voll darauf ein.“

„… und unsere Stadt hat ganze 246.654 Einwohner“, endete Tanja.

„Wäre schlimm, wenn einer der Einwohner  nicht komplett wäre“, stichelte Vanessa weiter. Tanja wusste keine Antwort darauf, was sie mehr ärgerte als Vanessa antworten.

„Warum gibt es nur so viele Fälle. Wo es nie zu Gerechtigkeit kommen wird?“Tanja ließ sich in die Sofakissen fallen. Vanessa schaute fragend rüber.

„Seit der Sache Elise Hill ist Humboldt wieder drauf und dran seine Tochter zu finden. Er durchsucht jede Datenbank Deutschlands nach Kindesentführungen, schaut sich Fälle an, wo Kinderpornoringe ausgehoben werden und auch die Bilder, die von Prostituierten auf dem Babystrich gemacht werden.“

„Solange Eltern keine Leiche und kein Grab zum beweinen haben, so lange werden sie auch keine Ruhe finden. Es wird immer diesen Gedanken geben, dass man vielleicht einen Schritt nur entfernt ist. Wölltest du wissen, dass dein Kind Tod ist, nur weil du einen Tag zu früh aufgegeben hast?“

„Humboldt hat aber auch noch eine zweite Tochter, um die er sich eigentlich kümmern sollte. Seine Ex-Frau kann ja auch nicht den Kopf in den Sand stecken und die große Tochter unter Ulk verbuchen, nur um ständig und immer nach der kleinen Tochter zu suchen.“

„Sagt Daniel etwas dazu?“

„Der hat seine eigenen, privaten Probleme. Sein Bruder ist zur Abwechslung mal wieder in Freiheit. Apropos Daniels Bruder, es ist eigentlich komisch, dass seit seiner Freilassung Autos von der Straße verschwinden“, Tanja überlegte, ob sie Daniel auf diesen Zusammenhang mal ansprechen sollte. Sie entschied sich erst mal dagegen: die Stimmung zwischen Daniel und ihr ist zur Abwechslung gut.

Tanja erschrak als ihr Diensttelefon klingelte. Hatte man denn nie einen freien Tag.

„Richter.“

„Ein Pilzsammler hat menschliche Überreste im Rabenwald gefunden.“ Antworte Daniel und redete gleich weiter: „Willst du mit zur Tatortbesichtigung oder kotzt du uns dann die Leiche an?“

„Welchen Wanderweg soll ich nehmen?“ Antwortete Tanja gelassen.

„Stell dein Auto auf den Parkplatz des Krankenhauses. Ich warte dort auf dich.“

„Gut. Bis gleich.“ Tanja schaute zu Vanessa hinüber. „Ich muss los. Die haben da was im Rabenwald gefunden“, sagte Tanja, streichelte noch das Tigerchen und trank den letzten Schluck Cappuccino aus.

„Falls es etwas ist, was verwesen kann, atme nicht durch die Nase. Das ist eklig“, meinte Vanessa noch an der Tür.

„Ach ja, Tanja, denk daran, ich fahre Morgen für ein paar Tage zu Dana… .“

Tanja fuhr auf den Parkplatz des Krankenhauses und musste sich mit dem Stellplatz ganz hinten und ganz außen zufrieden geben. Sie konnte Daniel schon von weiten winkel sehen und ging sofort zu ihm rüber.

„Deine Wildlederschühchen werden dir diesen Spaziergang aber nicht danken“, meinte Daniel als Tanja auf ihm zukam.

„Wo ist die Leiche?“

„Tief im dunklen Wald – quasi im Hinterhof der sieben Zwerge.“

Daniel und Tanja gingen noch ein Stück den Wanderweg entlang zur Tafel mit möglichen Wanderruten und verließen den Wald. Tanja fluchte, denn sie merkte wie die Nässe des Bodens langsam, aber sicher ihre Schuhe aufweichte. Außerdem strauchelte sie bei jedem zweiten Schritt und ihre Haare verfingen sich ununterbrochen in irgendwelchen Ästen.

„Wer geht hier freiwillig entlang?“

„Pilzsammler, Naturforscher, Wicca-Anhänger, Engelsanbeter… such dir was aus“, antwortete Daniel.

Bis die Beiden die Lichtung erreicht hatten, hatte Tanja genug Natur fürs gesamte restliche Jahr habt. Die Leute der Spurensicherung rannten umher, setzten kleine Fähnchen mit Nummerierungen, machten Fotos, nahmen Schuhabdrücke und analysierten Tierspuren. In einer Grube, die wahrscheinlich von Menschenhand geschaufelt wurde, lagen Lumpen, Knochen und Fleisch. In Tanjas Augen war es weder Mensch noch Skelett. Es war einfach ein wirrer Haufen aus allem was Mutter Natur übrig lässt, wenn die Zeit abgelaufen ist. Direkt neben den Überresten hockte Frau Dr. Brumm.

„Guten Mittag, Frau Doktor. Was haben wir hier schönes?“ fragte Tanja und versuchte so locker wie möglich mit dem Anblick fertig zu werden.

„Es handelt sich höchstwahrscheinlich um eine Frau. Auch wenn der Unterkiefer fehlt, kann man von jemand aus dem europäischen Raum ausgehen. Sehen sie mal, hier wo der Oberschenkelknochen aufgebrochen ist – das Schwammgewebe hat begonnen porös zu werden. Sie ist Ende 30 bis Anfang 40. Alles im Allen ist der Tod vielleicht letzte Woche bis, sagen wir mal, vor 3 Wochen eingetreten.“

„So eine große Zeitspanne?!“

„Überdenken sie mal die Witterungsverhältnisse und den Tierfraß. Fleisch und Blut haben keine fest errechenbare Halbwertszeit. Hier können ganz viele Komponenten reinspielen.“ Dr. Brumm nahm den Rest vom Schädel in die Hand. Tanja wurde ganz flau im Magen. Wie konnte man das Tag ein und aus sich anschauen?

„Schauen sie mal… ach nein, sie können ja gar nicht hinsehen. Also kurz gesagt: hier ist die Schädelplatte quasi aufgeplatzt. Man kann auf dem ersten Blick davon ausgehen, dass das Opfer mit einem stumpfen Gegenstand hart am Hinterkopf getroffen wurden ist.“

Tanja würgte.

„In ein bis zwei Tagen wissen wir mehr“, meinte Dr. Brumm abschließend.

 

Fortsetzung folgt…