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Und heute kommt der Schlussteil… schreibt mir doch mal in den Kommentaren, was ihr so von diesem Fall haltet.

Keine 30 Minuten später kam auch prompt Vanessas Anruf.

„Hi, Tanja.“

„Ah, du hast die Mail bekommen. Pass auf, wir…“

„Ich habe schon alle Passwörter entschlüsselt und mir Dateien angeschaut.“

„Oh… achso… ich dachte, du hättest grade die Mail abgeholt“, stammelte Tanja zusammen.

Daniel griff rüber und stellte die Lautsprecherfunktion des Telefons an.

„Hallo Vani. Schon in den Dateien rumgeschnüffelt?“

„Hallo Daniel. Ja. Wobei, solange die Software noch drüber lief, habe ich in jedem sozialen Netzwerk in Deutschland nach Elise Hill gesucht. Was wollt ihr zuerst wissen? World wide Web oder PC?“

„Das, was uns weiter bringt“, sagte Tanja.

„ Ok, das wäre im Zweifelsfall wohl die Kombi aus beidem.

Letzte Woche Freitag wurde eine gewisse Liliana mit polnisch stämmigen Familiennamen – sagen wir mal – fertig gemacht.“

„Wissen wir“, sagte Tanja

„Die Quittung gab es im Laufe des Montages in Form der großen Schwester Violetta mit gleichen nichtaussprechbaren Familiennamen.“

„Wissen wir auch.“

„Zum Geigenunterricht ist sie am Diensttagnachmittag nicht gegangen, weil sie einer gewissen Stephanie nicht über den Weg laufen wollte.“

„Wer ist Stephanie?“, fragte Daniel.

„Die Schönste unter den Schönsten, die reichste Tochter unter den reichsten Töchtern. Ergo die Coolste der coolen Mädchen, wenn es um diese Klasse geht.“

„Ok, das haben wir jetzt verstanden. Warum wollten die sich nicht sehen?“ Fragte Tanja langsam, aber sicher genervt.

„Also,  die Sache mit Liliana war ja um den coolen Mädels zu gefallen“ plauderte Vanessa in einem gemütlichen Ton weiter.

„Leider hat es den coolen Mädels rein gar nicht gefallen, was Elise gemacht – auch wenn ich nicht weiß was es überhaupt war.“

„Also waren die verwöhnten Gören sauer?“ Daniel schaute als verstünde er die Welt nicht mehr.

„Ja… sie waren so sauer, dass sie eine Fotomontage aus einem Bild von Playboy und Elises Profilbild bei Facebook machten – Ich muss ehrlich sagen, ich musste zweimal hinschauen um die Fälschung als solche zu erkennen – und verunglimpften Elise als „The Bitch“.“

„Ach, du Scheiße. Da wäre ich auch nicht zum Geigenunterricht gegangen“, meinte Tanja.

„Es kommt noch besser. Dieses Foto wurde in der Nacht von Dienstag zu Mittwoch per Mail an über 200 Mailadressen versendet. Elise hat ihre noch gar nicht abgeholt und wird am Mittwoch in der Masse blutgieriger 12 und 13-Jährigen gestanden haben, die sich königlich gefreut haben, sie fertig zu machen“, meinte Vanessa.

Tanja fiel mit einem mal auf, dass ihr Freundin diese Anreihung von grausamen Tatsachen erzählte, als würde sie einen Geschichtsvortrag halten. Keine einzige Emotion kam aus der Lautsprecheranlage. Tanja beschloss diese Beobachtung beim nächsten Gespräch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

„Wenn ihr mich fragt, ist das keine Entführung.“

Daniel nickte und Tanja entschloss sich nach kurzem zögern ein verbales Ja als Antwort entgegen zu bringen.

„Aber was ist dann passiert?“ fragte sich Tanja.

„Sie ging zur Mädchentoilette, schaute in den Spiegel und schlug auf ihr Spiegelbild und verließ die Schule“, meinte Daniel.

„Das wäre eine logische Abfolge“, meinte auch Vanessa.

„Ok, Elise ist jetzt seit circa 4 Stunden verschwunden. Wo könnte sie hingegangen sein?“ fragte Tanja in die Runde.

„Bestenfalls will sie weglaufen, also zum Bahnhof oder Busbahnhof gehen. Schlimmstenfalls will sie sich umbringen…“ meinte Vanessa, aber Tanja unterbrach sie sofort.

„Davon sollten wir nicht ausgehen“, meinte sie. „Wir fragen an den Bahnhöfen nach ihr.“

„Wir müssen alles in Betracht ziehen“,  sagte Daniel nachdenklich.

„Ihr könnt Tabletten ausschließen – da eine tödliche Menge zu beschaffen ohne aufzufallen braucht Zeit – und die Brücken in und um die Stadt können wir auch ausschließen, die sind alle viel zu sehr befahren, da fällt ein Mädchen auf der Mauer definitiv auf“, antwortete Vanessa.

„Was wäre noch möglich“ fragte Tanja, obwohl es ihr Magen flau bei dem Gedanken wurde.

„Pulsadern öffnen  braucht Überwindung und mehr Mut als Angst. Bleibt eigentlich spontan gedacht nur erhängen: ein Sprung, ein Ruck und es ist vorbei.“

„Tolle Aussicht“, antworte Tanja.

„Wir schicken sicherheitshalber die Kollegen von der Streife zu den Bahnhöfen und bilden Teams um abgeschiedene Parks und leere Lagerhallen zu durchsuchen. Ich rede mit Humboldt“, meinte Daniel und sprang auf.

„Danke Vanessa. Ich melde mich wieder, wenn ich was habe“, verabschiedete sich Tanja noch schnell ehe sie losstürmte.

 

„Der Schlossgarten wird zurzeit erneuert. Der Spielplatz ist deswegen geschlossen und liegt nur eine halbe Stunde von der Schule entfernt“, sagte Humboldt zu Tanja, die in seinem Zweier-Team gelandet war.

„In 15 Minuten machen die Gärtner auf Grund der Witterung Schluss mit den Außenarbeiten. Das wäre der ideale Zeitpunkt für Elise, wenn ihr wirklich Recht habt mit eurer Theorie“ sagte er weiter während sie vom Parkplatz fuhren.

„Super, wir brauchen bei diesem Verkehr locker 20 Minuten“, meinte Tanja nervös.

„Wir sind Beamte im Dienst. Wir brauchen uns an keine Straßenverkehrsordnung zu halten“, antworte Humboldt, stellte das Blaulichtlämpchen aufs Autodach und spielte für die nächsten 9 Minuten Fast&Furious nach.

Tanja war froh aus dem Auto zu dürfen. So ein Fahrstil hatte sie noch nicht erlebt. Das muss dieser Impuls von verzweifelten Eltern sein, auch wenn es sich nicht um ihre eigenen Kinder handelt.

Kein einziger Mitarbeiter der Parkverwaltung weit und breit. Bäume lagen quer über den Wegen und Geäst von ausgeschnittenen Büschen noch dazwischen. Hauptsache es sieht nach ganz viel Arbeit aus, ohne etwas dergleichen zu machen.

„T A N J A!!!“

Tanja drehte sich zu Humboldt, der grade wie angestochen losrannte.

„SPIELPLATZ!“

Tanja schaute, während sie sich selbst in Bewegung setzte.

Zwischen den Schaukeln zappelte ein Mensch i m Todeskampf. Tanja rannte schneller um  einerseits mit Humboldt Schritt zu halten andererseits um den schlimmstmöglichen Fall zu verhindern.

„Wir brauchen einen Rettungswagen im Schlosspark, Spielplatz“, keuchte Tanja in ihr Funkgerät. Das größte Problem an der Parkanlage war eindeutig der Teich, der den Spielplatz zu einer abgelegenen Insel machte, die nur über zwei Brücken zu erreichen war.

Zwar brauchten Tanja und Humboldt keine Minuten um an den Klettergerüst und der Rutsche vorbei zu sein, aber es kam wie eine Ewigkeit vor, das Mädchen Luftschnappend und zappelt an dem Seil zu sehen.

Humboldt faste Elise an der Hüfte und hob sie ein Stück an. Tanja griff nach ihrem Schweizer Taschenmesser, welches sie immer im rechten Stiefel befestigt hat, sprang auf die Schaukel links von Humboldt und Elise und durchtrennte die Wäscheleine.

Das Martinshorn war schon zu hören, während Elise auf den Boden lag und schwer nach Luft rang.

Humboldt schaute mit Tränen in den Augen zu Tanja hoch und sagte: „Wir haben sie gerettet.“

 

Vanessa stellte die Tassen auf den Glastisch. Einen Milchkaffee für sich und einen Cappuccino mit Vanillearoma für Tanja.

„Ich hoffe, du verzeihst mir, dass der Karamell Krokant Cappuccino alle ist – du hast hin leider in den letzten Wochen stark dezimiert“, Vanessa lief um den Tisch und setzte sich.

„Und da sagt der alte Mann also ihr habt sie gerettet. Wie rührend“, Vanessa pustete vorsichtig über ihren Kaffee.

„Nein, wir haben sie gerettet.  Wir alle. Du genauso wie wir. Ich habe es Humboldt gesagt.“

„Gab es Ärger?“

„Nein, nicht direkt. Ich glaube er wird es tolerieren.“

Tanja schlürfte ihren Cappuccino.

„Ich musste bei diesem Fall an dich denken.“

„Warum?“ Vanessa leckte den Kopf schräg.

„Als ich Elises Laptop untersuchte fand ich ein Gedicht.

‚ Jeder sieht mein lachen… doch kein sieht, wie ich kämpfe.
Jeder hört, was ich sage… doch keiner weiß, was ich denke.
Jeder liest, was ich schreibe… doch keiner erkennt meine Tränen.
Jeder meint mich zu kennen… doch keiner kennt mich wirklich. ‘

Ich werde nicht schlau aus dir. Ich dachte ich kenne dich und doch weiß ich nicht, was in dir vor geht.“

„ Kennst du Herrmann Hesse?! Er sagte mal: ‚Seltsam, Im Nebel zu wandern! Leben ist Einsam sein. Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein. ‘ Du wirst nie wissen, was ein Mensch wirklich denkt – egal was er sagt.“

„Hast du die unbekannte Person im Fitnessstudio mal angesprochen?“

„Nein“, Vanessa lächelte traurig.

„Ich bin der Sklave meiner eigenen Angst.  Ich konnte mich nicht überwinden.“

„Du und deine Metaphern. Ich geb dir ein Bild zurück: Dein Herz ist kein Verließ. Wann siehst du ihn das nächste Mal?“

„Ich werde ihn nie wieder sehen.“ Diese Antwort stimmte Tanja traurig.

„Wie geht es aber nun mit Elise Hill weiter?“ fragte Vanessa als hätte es das Gespräch über den Fall nie eine Unterbrechung gehabt.

„Oh, ja… Herr und Frau Hill haben sich dafür entschieden nach Essen zu ziehen. Seine Kanzlei hat dort ein Büro, wo noch ein Bilanzbuchhalter gesucht wird, der auch bereit ist zum Steuerberater aufzusteigen. Dort kann Elise es mit einer neuen Schule und anderen Freunden neu versuchen.“

„ Also geht das Leben weiter.“

„Kann man wohl so sagen. Was meinst du, was wird wohl der nächste Fall sein?“ Fragte Tanja in den Raum.

 

Ende