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Wie versprochen habe ich auch noch die zweite Kurzgeschichte überarbeitet und werde diese über die Woche verteilt veröffentlichen. Viel Spaß beim Lesen.

Elise saß in der dritten Reihe ihres Klassenzimmers, direkt neben dem Fenster. Die Sonne schien herein und direkt in ihr Gesicht. Ihre Freundin Anna hielt einen Vortrag über die napoleonischen Kriege – Belagerung des Klosters Santa Engracia 1809.

Ganz leise rollte eine Träne über Elises Gesicht. Sie sah ihr Spiegelbild im Fensterglass. Das Mädchen, welches sie sah, blickte traurig zurück. Ihre Augen waren leer, obwohl sie früher vor Glück funkelten. Ihre Haut wirkte blass, die trockenen Lippen presste sie zusammen. Sie wollte schreien, aber sie schwieg. Nicht allein aber einsam. Sie stand auf und ging zum Lehrertisch, sie sagte Herrn Martin sie müsse auf Klo und verließ den Raum… und auch die Schule.

 

„Ich bin grade frustriert und möchte keinen Besuch“, sagte Vanessa.

„Das hast du mir schon an der Wechselsprechanlage mitgeteilt“, antwortete Tanja, während sie das Bett auf dem Ecksofa durchschüttelte und das Lacken glatt strich. „ Deine Mutter meinte, es wäre hilfreich, wenn ich mit dir reden würde.“

„Und worüber?“

„Darüber, dass du dich im Fitnessstudio angemeldet hast, was ja eigentlich auf dem Mist deiner Mutter gewachsen ist, seit Januar extrem oft, um nicht zu sagen täglich, dort hinrennst um Kurse mit einer  ganz bestimmten Person zu besuchen und grade in eine tiefe Depression stürzt, weil diese Person in eine andere Stadt zieht. Deshalb!“ Tanja schaute zu Vanessa, die grade ihr neustes Kunstwerk begutachtete und den Verkaufspreis schätzte. Abstraktion in Schwarz mit Dunkelgrau als Hoffnungsschimmer.

„Ich hätte diese Person in 10 Jahren nicht angesprochen. Ich und eine Beziehung. Das ist unmöglich“, den letzten Teil flüsterte Vanessa mehr. „Warum bist du hier?“

Die Begründung musste warten, denn in diesem Moment klingelte Tanjas Telefon. Sie hob einen Finger und wollte Vanessa zeigen, dass sie sich noch einen Moment gedulden sollte.

„Richter.“

„Ein Kind wird vermisst.“ Eine Entführung direkt aus der Flughafenschule“, sagte Daniel, Tanjas Kollege.

„ Ich verstehe. Ich komme sofort.“

„Gut. Du weißt wo die Schule ist?“

„Äh, nein.“

„Am alten Flughafengebäude. Da ist der Lidl-Markt. Dort fährst du in die Seitenstraße bis eine Spielstraße kommt und dann fährst du auf den Parkplatz der Lehrer.“

„ Ok, das finde ich schon“, damit legte Tanja geschmeidig auf. Daniel gehörte definitiv zu dem Personenkreis, der kein Tschüss verdient hatte.

Vanessa hob fragend die Augenbrauen.

„Wir haben einen Entführungsfall. Ich muss gleich los.“

„Du hast einen Fall. Nicht ich. Da kann ich zum Krafttraining gehen.“ Vanessa griff mit einer Hand ihre Sporttasche und mit der anderen Tanjas Oberarm.

„Ruf mir nur an, wenn du auch wirklich etwas von mir brauchst“, sagte Vanessa während Tanja in ihr Auto stieg.

„Du bist für mich wie Dr. Watson zu Sherlok Holmes“, antwortete Tanja, „ich werde dich so oder so brauchen.“

„Tschüss Tanja.“

„Vanessa!“

„Du schaffst das ganz bestimmt auch ohne mich“, schrie Vanessa über die Wiese, die zischen dem Gehweg und der Straße angelegt worde.

 

„Was ist denn hier passiert?“ fragte Tanja. Die Mädchentoilette der Schule war ein Schlachtfeld. Spiegelscherben lagen im Raum verstreut, Blutstropfen egal wohin man sah und das Team der Spurensicherung lief quasi Rücken an Rücken im Kreis und fotografierte jeden Zentimeter des Raumes.

„Es gab wahrscheinlich einen Kampf. Dabei wurde die Spiegelfront an den Waschbecken zerschlagen und sie entführt“, sagte Daniel, der grade hinter ihr den Raum betrat.

„Sie heißt Elise Hill, ist 12 Jahre und geht in die 6b“, erklärte Daniel weiter.

„Ist das Blut vom Täter?“ fragte Tanja und zeigte auf den Türrahmen.

„Wissen wir noch nicht. Die Forensik arbeitet daran. Elise könnte sich auch festgehalten haben als man sie raustrug.“

„Mitten am Tag macht man doch keine Entführung“, meinte Tanja.

„Entweder von langer Hand geplant oder spontan. Der Gang führt direkt zum Ausgang, wo die Lehrerparkplätze sind.“

„Ja und da kann jeder – wie es scheint – nach Belieben kommen und gehen“, antworte Tanja, die selbst sehr unauffällig an allen vorbeigekommen ist, ohne einmal ihren Ausweis zu zücken.

Herr Jakob Humboldt kam den Flur Richtung Mädchentoilette gelaufen. Er stieg sofort mit in die Unterhaltung ein.

„Niemand hat irgendetwas gesehen. Lediglich die Putzfrau sah wie Elise Richtung Toilette ging. Herr Martin, der Lehrer, weiß von nichts. Sie ist eine ruhige, aber gute Schülerin.  Im Sekretariat sagte man mir, dass Elise sich nach der Schulpsychologin erkundigte, die ist aber seit einer Woche krankgeschrieben“, lass Humboldt von seinen Notizblock ab.

„Sind die Eltern reich?“ fragte Tanja.

„Glaubst du, die Eltern würden ihr Kind an diese Schule schicken, wenn sie reich wären?“ fragte Daniel sarkastisch zurück.

„Er ist Buchhalter und sie ist Verkäuferin bei einer Modehauskette“, antwortete Humboldt um der Diskussion entgegen zu wirken.

„Da kann man wohl kaum Lösegeld erwarten…“, Tanja bereute den Satz, denn Humboldts Tochter wurde vor 2 Jahren, im Alter von 10, entführt. Sie hätte jetzt das gleiche Alter wie Elise. Tanja wurde mit einem mal flau im Magen. Wie Leben Eltern mit dieser Ungewissheit auf Tod oder Lebend. Sexsklave oder Obdachlos oder gar wie ein räudiges Tier begraben im Wald?!

„Eher nicht“, sagte Humboldt, „wenn sich niemand meldet, müssen wir von einer Sexualstraftat ausgehen. Daniel du versucht die Schulpsychologin Eva-Maria Bachmann zu erreichen. Hier ist die Adresse, die das Sekretariat hat.“ Daniel nahm den Zettel und machte sich auf den Weg. Humboldt drehte sich zu Tanja um. „Wir schauen nach den Eltern.“

 

Fortsetzung folgt…