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Und? Seit ihr schon gespannt, wie Roland Dahlmann gestorben ist? Wer wird es wohl gewesen sein? Lest es und findet es heraus…

Die Räume der Gerichtmedizin sind kühl. Zum einem durch die fehlenden Polstermöbel, die in jeder normalen Wohnung zu finden sind, zum anderen durch lange Metalltische, die es nicht in normale Haushalte schaffen würden. Desweiteren wird diese unangenehme Kühle durch Kühlzellen und gekachelten Wänden und Fußböden begünstigt. Tanja war froh ihre Jacke und Tarnoptik bei sich zu haben. Dr. Brumm war eine Frau mittleren Alters mit einen perfekt geschnittenen Bob, der mehr an einen Helm als an eine Frisur erinnerte.

„Sie sind ja jetzt schon grün im Gesicht. Wollen sie wirklich dabei sein?“ Graublaue Augen starrten Tanja gespannt an.

„Ja, will ich“, und schluckte dem Würgreiz entgegen.

Tanja starrte die Decke an. Sehr geschmackvoll gekachelt mit grell hellen Neonröhren. Die Autopsie?! Sehr spannend. Roland Dahlmann. 68 Jahre. 1,78 Meter groß. 85 Kilogramm schwer. Keine äußeren Anzeichen von Gewalteinwirkung oder Injektionen. Seit dem T-Schnitt auf der Brust hatte Tanja gar nicht mehr hingesehen, sondern nur noch die Ohren aufgehalten. An und für sich war ja auch alles recht Ergebnislos, nur eine künstliche Herzklappe, die noch gut zwei Jahre ihren Dienst getan hätte.

„So, und jetzt ist der Herr Dahlmann mit dem  Lacken wieder zugedeckt und sie können ihre Halswirbelsäule entlasten. Laut dem Blutbild, was wir gestern noch ins Labor geben haben, können wir von einer Vergiftung mit Aconitin ausgehen“, fuhr Dr. Brumm ohne zu zögern fort.

„Wo kommt Aconin vor?“

„Aconitin, da kommt noch ein i und ein t mit rein. Das kommt in vielen einheimischen Pflanzen vor. Die Hälfte aller Zimmerpflanzen ist giftig. Bei der Menge könnte es Eisenhut sein, aber das müssen wir weiter abklären. Mageninhalt untersuchen. Sie können ihrem Chef sagen: Wir haben einen Mord.“

„Das ist ein Spruch und ich will auch gar nicht länger ihre Zeit beanspruchen. Wenn sie was haben, rufen sie an“, Tanja eilte schon zur Tür bevor eine Antwort kam. Sie gab Vanessa vollkommen recht: es wird nie wieder gegessen…

 

„Was haben wir?“ fragt Jacob Humboldt. Tanjas Chef war 50 Jahre und sah aus wie 80. Seine Haut war teigig und tiefe Sorgenfalten durchzogen sein Gesicht. Der Verlust seiner jüngeren Tochter hat ihn auf Lebzeiten gebrandmarkt.

„Roland Dahlmann wurde durch Gift ermordet. Daniel sagt, seine Kinder hätten ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt und die Ehe sei intakt gewesen.“

„Dann befragt die Nachbarn, Freunde der Familie, entfernte Verwandte und wenn es sein den Anwalt der Familie. Ich sauberes und gründliches Arbeiten und nicht so eine Pressemitteilung wie beim letzten mal.“

„Mach ich“, sagte Tanja und verließ das Büro. Nach kurzen Austausch mit Daniel, was Dr. Brumm sagte und was Humboldt angewiesen hat, ging sie offiziell die Nachbarn befragen, die ganz zufällig um die Ecke einer Bestattung wohnten.

Die Tür flog geräuschvoller als erwartet auf. Vanessa schaute über den Schreibtisch zu Tanja.

„Sorry, ich hatte etwas viel Schwung“, sagte Tanja hastig und zog ihre Jacke aus und hing diese an den Kleiderbutler.

„Dann mach ich dir lieber keinen Kaffee. Ich habe Cappuccino mit Schokogeschmack da – schmeckt wie Kakao“, sagte Vanessa während sie in den hinteren Teil des großen Ausstellungsraumes ging. Hinter  Eichen- und Kiefernsärgen war eine Tür, die zur Küche und den Toiletten führte.

„Nein, ich nehm Kaffee.“ Tanja ließ sich auf einen der bequemen Beratungsstühle fallen und warte auf Vanessas Rückkehr.

„Und?! Ist deine echte Leiche ein Mordopfer?“

„Das müsstest du doch wissen. Ihr habt den Sterbefall bekommen, oder nicht?!“

„Da weißt du mehr als ich“, fragend stellte Vanessa die Tassen und die Sahne hin.

„ich darf dir nichts zu laufenden Ermittlungen sagen.“

„Dann tu es nicht.“

Tanja biss sich auf die Lippe. Vanessa hatte recht, sie sollte es wirklich nicht tun. Wenn das raus kommt, dann wäre sie fällig – aber, ihr Bauch meldete sich und das nicht nur wegen dem kräftigen Kaffee, der sich grade Richtung Magen bewegte. Tanja schaute zu Vanessa, die seelenruhig die Kaffeesahne in ihre Tasse fließen ließ. Wusste Vanessa, dass Tanja gleich einknicken würde?

„Roland Dahlmann!“

„Du musst unbedingt an deiner Verschwiegenheit arbeiten“, antworte Vanessa und nippte am Kaffee.

„Du kennst ihn?“

„ Seine Frau vermietet meinen Eltern dieses Ladenlokal hier. Herr und Frau Dahlmann wohnen im übernächsten Hauseingang. Wenn er mit dem Hund spazieren geht, grüßte er täglich. Und im Übrigen habe ich 5 Jahre lang seine Buchhaltung und Steuererklärung gemacht…“

„Das hast du mir nie erzählt“, platzte es aus Tanja.

„Zum Ersten: ich halte mich an die Verschwiegenheitserklärung, die mir mein ehemaliger Chef zum unterschreiben gab. Zum Zweiten: Du hast mich noch nie nach meiner Ausbildung oder den Mandanten gefragt.“

Tanja stand der Mund offen. Wieso kam sie zu einer Freundin, die so extrem gegenteilig zu ihr war? Diese Frage sollte sie noch einige Jahre beschäftigen, aber für den Moment war sie einfach nur baff.

„Jetzt schau nicht so gedeppert.“

„Doch, dass muss ich jetzt schon obligatorisch machen, damit du so einen Hauch von Schuldgefühlen bekommst. Hat seine Familie ein Mordmotiv?“

„Spinnst du? Die haben über ein Jahr lang den Rentenkauf für seine Firma vorbereitet.“

„Warum ist das so wichtig?“ Tanja schaute gespannt zu Vanessa. Diese lehnte sich allwissend im Chefsessel zurück und holte zu einer lagen Rede aus.

„Ok, ich versuch es so einfach, wie nur möglich zu erklären… Unternehmer X hat seit vielen Jahren eine Firma. Seine Maschinen sind auf 0€ abgeschrieben, da sie ihre gewöhnliche Nutzungsdauer überschritten wurde, aber sie laufen noch – soweit so gut, nicht?!“

Tanja nickte und trank ruhig ihren Kaffee.

„Wenn X jetzt seine Firma an Y verkauft, dann müsste X seine Maschinen für den aktuellen Preis verkaufen, den er aktuell zahlen würde, wenn er sich eine solche Maschine wiederbeschaffen wöllte.“

„Das ist jetzt sehr theoretisch.“

„Stimmt, und auch sehr teuer wenn man den Wiederbeschaffungswert versteuern muss. Also, legt man seine stillen Reserven nicht offen.“

„Steuerhinterziehung?!“

„Naja, der Staat unterstützt dieses Russisch Roulette. Man setzt mit seinem Steuerberater und einem Notar einen Vertrag auf. Y verpflichtet sich X eine bestimmte Summe im Monat zu zahlen – eine Rente also – und so, wie es für Renten üblich ist: bis ans Ende von Xs Leben. Wenn X jetzt 20 Jahre noch lebt, zahlt Y ordentlich drauf. Falls X nach 1 bis 2 Monaten sich an sein Herz fasst und tot umfällt, kann Y, wie Rumpelstilzchen, ums Feuer tanzen, denn er muss nicht mehr weiter zahlen.“

„Krass,…“, Tanja hielt inne. Sagte Daniel nicht, dass der Ordner neben Dahlmann zu den Steuerunterlagen gehörte und dass die Firma  vor kurzem verkauft wurde? War es ein Rentenkauf oder nicht? Das musste  sie unbedingt herausfinden.

„Hast du schon mal etwas über Aconitin gelesen?“, fragte Tanja nach.

„Kommt im Eisenhut vor. Im botanischen Garten haben wir einige Pflanzen der Gattung Aconitum napellus. Schon wenige Gramm dieser Pflanze reichen aus um einen erwachsenen Mann innerhalb von 30 Minuten zu töten. Ich habe gehört, dass der Vergifte bis zum Herzstillstand bei vollem Bewusstsein ist und merkt, wie es zu Ende geht.“

„Ok, das ist natürlich immer gut zu wissen“, Tanja überlegte krampfhaft, weshalb man sich solches Wissen aneignete, aber beließ es dabei.

Tanja trank den letzten Schluck des mittlerweile lauwarmen Kaffees und verabschiedete sich: „Ich muss noch dringend etwas im Büro erledigen. Falls ich noch etwas brauche rufe ich dich an.“

„Mach’s gut.“ Vanessa winkte Tanja noch an der Tür nach, bis Tanja auf der anderen Straßenseite war. Ihr ging viel durch den Kopf. Sie musste unbedingt mit einem Kollegen reden.

 

„… und dieses Wissen hat Fräulein Richter woher nochmal?“ Daniel setzte ein echt arrogantes Lächeln auf, während er sich gegen die Lehne seines Bürostuhles lehnte und die Hände hinter seinem Kopf faltete.

„Von einer Mitarbeiterin des Bestattungshauses. Das Objekt wird von Frau Dahlmann vermietet, deshalb kennen die sich etwas besser“, Tanja hoffte, dass diese Antwort ausreichend sein würde, aber sie irrte sich.

„Ein sehr tiefes Wissen für eine Angestellte. Findest du nicht auch?“

„Ja, ok. Besagte Mitarbeiterin ist privat mit mir befreundet und hat zufällig bei genau dem Steuerberater gelernt und gearbeitet, wo Dahlmann Mandant war“, Tanja schaute zu Daniel. Dieser bekam sich vor Lachen gar nicht mehr ein.

„Du kannst ja wirklich gar nichts für dich behalten… sobald man auch nur einmal nachbohrt sprudelt es aus dir heraus…“, Daniel schmunzelte noch weiter als er sagte: „Gut, wir lassen uns die Unterlagen zum Firmenverkauf geben und schauen ob die andere Partei ein Motiv hat. Tust du mir einen gefallen? Sag das ja nicht Humboldt – der erschießt dich.“

„Werd ich schon nicht“, mummelte Tanja.

„Bist du dir da sicher?“ Daniel ging los um sich die Unterlagen von Frau Dahlmann zu holen. Tanja blieb mit einem Berg aus Papierkram zurück im Büro.

 

Fortsetzung folgt…