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Diese Woche gibt es keine Kunst oder Handarbeit, sondern eine Kurzgeschichte, die ich mal geschrieben habe und dann verworfen und seit kurzem wieder aus der Versenkung meines Computers geholt habe.

Da ich nicht vorhabe unter die Autoren zu gehen, wäre diese Geschichte eine Dateileiche, die von niemanden jemals gelesen werden würde. Deshalb möchte ich Tanja Richter, meinem geistigen Kind, einen kleinen Platz auf meinem Blog geben.

Roland Dahlmann sprach grad mit seiner Frau in der Küche, als er starb.

„Ich muss noch …“, sagte sie, doch den Rest bekam er nicht mehr mit, denn scheinbar schlug etwas Schweres gegen seine Brust und presste mit Gewalt die Luft aus ihm heraus. Der Aktenordner, den er grade noch hielt, fiel ihm aus der Hand und zerschlug die Vase auf seinem Schreibtisch.

Es fühlte sich wie Ertrinken an, dachte Roland, während die Sekunden verstrichen: ein schrecklicher Druck, ein hoffnungsloses Ringen nach Luft, diese Feuchtigkeit, die den ganzen Körper mit einem Schlag überdeckt.

Ertrinken. Nein, Sterben.


Sein Gesicht fiel auf den Schreibtisch, die linke Wange wurde flach auf den Aktenordner gedrückt, den er noch vor dem Abendessen bearbeiten wollte. Durch ein Trinkglas auf dem Schreibtisch sah er die leuchtenden Ziffern der Digitaluhr: 18:05 18 05 16.

Und dann gab es nichts mehr, worüber man nachdenken konnte, weil der Vorgang des Denkens zum erliegen gekommen ist.

„Ja, bitte?“, eine echt genervte Stimme kam aus der Wechselsprechanlage.

„Hier ist die Tani-Maus“, antworte Tanja zuckersüß. Tanja kannte Vanessa schon fast 5 Jahre und war somit die zweitlängste soziale Bindung, die die Sozialphobikerin hatte.  Die Freundschaft Tanja und Vanessa, aber auch die Freundschaft zwischen Dana – der längsten sozialen Beziehung – und Vanessa, beruhte darauf, dass sich beide Frauen nicht von Vanessa abwimmeln ließen.
Der Summer öffnete die Tür.

„Nein, du begrüßt nicht als erstes Tanja. Nein – ab mit dir!“, zu jedem Tier der Welt hatte Vanessa eine bessere Bindung als zu einem Menschen.

„Mieze-Katze“, Tanja warf sich dem Stubentiger entgegen und nahm ihn sofort hoch und verschaffte sich damit direkten Zugang zur Wohnung.

„ Komm doch rein!“, Vanessa  machte auf Tanja nie einen unfreundlichen Eindruck, aber irgendwie war da immer so ein Unterton.

„Oh, du machst wohl grade Kaffee? Hast du noch den leckeren Cappuccino mit Karamell? Ich nehm gern eine Tasse.“

Tanja vernahm ein ehrliches Lächeln von der jungen Frau, die grade Richtung Küche ging. Ihre schwarzen Haare reichten bis zur Hüfte. Trotz der Convers, die sie immer trug, wirkte sie sehr groß, obwohl Vanessa tatsächlich nur 3 cm größer war als Tanja.

Tanja ging mit dem Katerchen auf dem Arm direkt in Vanessas Wohn-/Schlafzimmer und setzte sich auf das Ecksofa, welches zeitgleich als Schafsofa diente.

„Ich bin jetzt bei der Kripo“, rief sie in die Küche und blätterte vorsichtig in dem Skizzenblock auf dem Glastisch. Es waren großartige Aquarelle, melancholische Kohleskizzen und verspielte Mangafiguren im Kampf gegen Aliens.

„Bist du nicht schon seit 5 Jahren bei der Polizei? 2,5 Jahre duales Studium plus 2 Jahre Praktikum – da kannst du nicht erst heute dazu gestoßen sein, oder?“, Vanessa kam mit zwei Tassen ins Zimmer und stellte sie vorsichtig auf den Tisch ab.

„Lustig… sehr lustig, meine Gute“, strich sich ihre widerspenstigen kupferfarbenen Strähnen hinters Ohr.

„Ich bin jetzt fertig mit dem Studium und arbeite jetzt Vollzeit bei der K.“

„Entschuldige meine Unwissenheit. Falls dir eine Leiche begegnet, denkst du doch daran, dass ich bei der Bestattung arbeite“ Vanessa nippte am heißen Kaffee. Eigentlich war sie Steuerfachangestellte, aber mit sozialer Phobie ist es in manchen Phasen etwas problematisch – viele Menschen sind verwundert, wenn ihr gegenüber direkt nach dem Händeschütteln sich förmlich mit Desinfektionsmittel überschüttet.

„Ich darf dir doch keine Fälle zuschieben“, sagte Tanja empört. „Desweiteren ist seitdem ich wieder hier bin noch gar niemand gestorben, entführt, vergewaltigt, genötigt oder zusammen geschlagen worden.“

„Och, wie Schade…“, Vanessas stärke waren zwar nicht unbedingt soziale Beziehungen zu pflegen, aber Sarkasmus beherrschte sie auf jeden Fall.

„Tja, und der Kollege Fäßl mag mich nicht und mein Abteilungsleiter ist seitdem seine Tochter vor 2 Jahren entführt wurde nur noch ein Schatten seiner selbst… .“ Tanja erzählte von den letzten 3 Tagen als müsste sie die Ungerechtigkeit von 3 Jahren aufarbeiten. Im Tiefsten Inneren war sie froh eine so verlässliche Freundin zu haben, die niemals ein Geheimnis weitertragen würde oder gar einen Strick daraus drehen würde.

Nach einer guten 1,5 Stunde klingelte Tanjas Telefon.

„Richter.“

„Wir haben einen Toten. Franz-Straße 26. Spurensicherung war schon da – Kannst du ins Büro kommen?“

„In einer Minute. Ich bin grade in der Nähe. Bis gleich.“

Eine Antwort bekam Tanja nicht mehr.

Tanja schaute zu Vanessa, die grade den Tiger streichelte: „ich muss los. Ich habe einen Toten. Eine echte Leiche.“

„Klasse… na dann los, nicht dass sich der Tote aus dem Staub macht.“

 

„Der Tode heißt Roland Dahlmann. Er hatte grade mit seiner Frau über den Verkauf seines Unternehmens gesprochen als er gegen 18 Uhr tot zusammenbrach.“

Tanja kam ziemlich aus der Puste, während sie Daniel Fäßl die Stufen in den 4. Stock folgte. Dass der Mann bei dieser Anstrengung noch reden und nebenbei noch Notizen in sein Buch schreiben konnte, war unnormal.

„Woran ist er gestorben?“, fragte Tanja japsend.

„Der Notarzt meinte: es sei ein Herzinfarkt. Seine Frau sagt: er war bester Gesundheit und wurde ganz bestimmt ermordet.“

Tanja schaute sich die Fotos von der Wohnung auf dem Tablet-PC an. Auch wenn Herr und Frau Dahlmann um die 65 Jahre waren, diese Wohnung war sehr klassisch eingerichtet.

„Was ist das für ein Ordner neben dem Toden?“ fragte Tanja.

Daniel schaute von den Schreibtischunterlagen auf. Er stellte sich neben Tanja und schaute auf das Foto.

„Steuerunterlagen… Die Abschlussbilanz für 2016. Dahlmann hat seine Firma vor einen Monat verkauft.“

„Klingt aber mehr nach der reich erbenden Ehefrau, oder?!“

„Wäre es so, hätte sie bestimmt nicht dem Notarzt widersprochen.“ Daniel Fäßl ging  wieder zu seinem Schreibtisch.

„Nun gut, wir haben Fotos, Unterlagen, den Leichnam und die Aussage der Ehefrau – Ob nun natürlich oder nicht gestorben wird übermorgen die Gerichtsmedizin klären“, sagte Daniel und schaute Tanja erwartungsvoll an. „Willst du in die Gerichtsmedizin oder fällst du beim Anblick toter Menschen in Ohnmacht?“

Das war definitiv ein Leberhacken – bezogen auf ihr erstes Ausbildungsjahr, als Tanja beim Anblick einer grade verstorbenen Person den Mageninhalt herausbrachte.  „Natürlich, ich bin dafür geschult worden.“

„Gut, Dr. Brumm hat die Autopsie für 8:30Uhr angesetzt,“ Daniel grinste über das gesamte Gesicht. „Ich werde nochmal mit der Ehefrau und den beiden gemeinsamen Kindern reden.“

Tanja atmete nochmal tief durch – keine Panik, Tode können einen nichts tun: „Schön, dann bis morgen.“  Sie drehte sich um und ging nach Hause.

Tanja machte die ganze Nacht kein Auge zu. Die wildesten und groteskesten Bilder von Verstorbenen gingen ihr durch den Kopf, bis sie schließlich in einen unruhigen Schlaf verfiel.

 

Tanja saß am Frühstückstisch und biss grimmig in ihre Toastschnitte. Das Telefon, welches sie am Ohr hielt, klingelte und klingelte.

„Sag mal spinnst du?!“ Vanessa war sowas von schlecht gelaunt. „ Hast du mal daran gedacht, dass meine pflegebedürftige Großmutter nicht um 7 Uhr in der früh aus dem Bett geklingelt werden will?“

„Ach, Scheiße! Das habe ich vollkommen vergessen“, Tanja schluckte hörbar ihr Stück Toast herunter.

„Was gibt es denn?“

„Kennst du Dr. Brumm?“

„Die Rechtsmedizinerin von der Uniklinik Leipzig, die zweimal die Woche in Chemnitz für die Staatsanwaltschaft arbeitet? Ja, die Ziege hat schon mehrfach unsere Verstorbenen zurückgestellt, weil jedes Pflegeheim auf Kommerz aus ist und ihre Rentner vernachlässigt. Wieso?“

„ Der Fall von Gestern – du erinnerst dich vielleicht?! Da ist heute die Autopsie“, Tanja machte eine Pause in der Hoffnung, dass ihre Gesprächspartnerin ihr die großen Erklärversuche abnimmt.

„Du hättest vor dem Frühstück anrufen sollen, dann hätte ich dir geraten: Lass es mit Essen vor dem Aufschneiden!“ Ein hämisches Kichern ertönte. Tanja sah bildlich vor sich, wie Vanessa auf dem Bett lag und sich die Hand vors Gesicht schlug und sich totlachte.

„Bei deiner feinfühligen Natur, würde ich mir das in Zukunft immer vornehmen… nicht dass du uns in Ohnmacht fällst oder das Essen verlierst.“

„Das frustriert mich jetzt richtig“; Tanja legte Ihr Toast zurück auf den Teller. Ihr war der Appetit definitiv vergangen. „Ich dachte, du baust mich auf.“

„Dann will ich dir jetzt mal was sagen: In Gegensatz zu den lebenden Menschen da draußen auf der Straße, können dir die Toten echt nichts mehr tun. Weder körperlich noch geistig und auch nicht verbal. Du schaffst das. Dir kann nichts passieren und egal wie schlimm das Aufschneiden aussieht: den sterblichen Überresten von XYZ tut das nicht weh. Motiviert?“

„Ja, eigentlich schon.“

„Schön, dann leg jetzt auf und beweg dich zur Gerichtsmedizin.“ Damit war aufgelegt und Tanja schaut schaute perplex auf das Display ihres Handys. Irgendetwas lief in Vanessas Kopf echt nicht rund. Tanja raffte sich auf – sie würde es schaffen.
Der Abwasch musste genauso wie der Rest der Wohnung auf eine späteren Putzwimmel warten. Im absoluten Gegensatz zur ordnungsliebenden Vanessa, hatte sich Tanja dem Chaos verschrieben. Sie bändigte noch ihre irischrote Lockenmähne in einem schlichten Flechtzopf und ging los und ging zurück um sich ihre Jacke zu holen. Es war mit Abstand der kälteste Mai den sie erlebt hat – zu mindestens der kälteste Morgen im Mai.

 

Fortsetzung folgt….